Zwei Straßen kreuzen sich — in welchem Winkel? Ein Dach hat zwei Flächen — wie groß ist der Neigungswinkel? Ein Schatten fällt auf den Boden — wie lang ist er? All diese Fragen beantworten sich mit einem einzigen Werkzeug: dem Skalarprodukt. Es verbindet zwei Vektoren zu einer Zahl und verrät dabei alles über den Winkel zwischen ihnen.
Zusammen mit dem Kreuzprodukt bildet es das Herzstück der analytischen Geometrie — fast jede Abi-Aufgabe zu Winkeln, Abständen und Flächen nützt eines von beiden.
Stell dir vor, du ziehst einen Schlitten mit einem Seil. Das Seil zeigt schräg nach oben, aber der Schlitten bewegt sich nur horizontal vorwärts. Nicht deine gesamte Kraft wirkt — nur der Teil, der in Bewegungsrichtung zeigt.
Genau das berechnet das Skalarprodukt: Wie stark wirken zwei Vektoren in die gleiche Richtung zusammen?
Zeigen beide in die gleiche Richtung → maximale Zusammenwirkung (positives Ergebnis)
Stehen sie senkrecht aufeinander → keine Zusammenwirkung (Ergebnis = 0)
Zeigen sie in entgegengesetzte Richtungen → sie arbeiten gegeneinander (negatives Ergebnis)
In der Physik ist das die Formel für Arbeit: W=F⋅s — nur die Kraftkomponente in Bewegungsrichtung leistet Arbeit. Beim Schlittenziehen ist das die horizontale Komponente deiner Zugkraft.
Die orthogonale Projektion von b auf a ergibt den Anteil von b, der in Richtung a zeigt:
Länge der Projektion (Skalar):
∣ba∣=∣a∣a⋅b
Projektionsvektor:
ba=∣a∣2a⋅b⋅a
Beispiel — Schattenlänge: Ein Stab wird durch b=003 beschrieben (3 m senkrecht). Die Sonnenstrahlen kommen aus Richtung s=20−1. Die Projektion des Stabes auf den Boden (Richtung a=100) ergibt die Schattenlänge.
Das Kreuzprodukt liefert keinen Skalar, sondern einen Vektor, der senkrecht auf beiden Ausgangsvektoren steht:
a×b=a2b3−a3b2a3b1−a1b3a1b2−a2b1
Merkregel für das Kreuzprodukt
Die Komponenten folgen einem zyklischen Muster: 1→2→3→1→2→… Für die erste Komponente nimmst du Zeile 2 und 3, für die zweite Zeile 3 und 1, für die dritte Zeile 1 und 2. Jeweils „über Kreuz” multiplizieren.
Beispiel:
100×010=0⋅0−0⋅10⋅0−1⋅01⋅1−0⋅0=001
Das Ergebnis zeigt in x3-Richtung — senkrecht auf x1- und x2-Achse.
Zwei Dachflächen stoßen am First zusammen. Die eine Fläche hat den Normalenvektor n1=0−12 (leicht nach links geneigt), die andere n2=012 (leicht nach rechts geneigt).
Der Winkel zwischen den Normalenvektoren entspricht dem Winkel zwischen den Flächen:
cosφ=∣n1∣⋅∣n2∣n1⋅n2=5⋅50+(−1)+4=53=0,6
φ=arccos(0,6)≈53,1°
Das Dach hat einen Firstwinkel von ca. 53°.
Grundstücksfläche per GPS:
Drei Eckpunkte eines dreieckigen Grundstücks: A(0∣0∣0), B(30∣0∣0), C(10∣20∣0) (in Metern).
Richtig ist: Das Skalarprodukt liefert eine Zahl (einen Skalar). Nur das Kreuzprodukt liefert einen Vektor. Der Name sagt es: Skalar-Produkt → Ergebnis ist ein Skalar.
Häufiger Irrtum
Irrtum: „Wenn das Skalarprodukt groß ist, ist der Winkel groß.”
Richtig ist: Ein großes positives Skalarprodukt bedeutet einen kleinen Winkel (die Vektoren zeigen in eine ähnliche Richtung). Ein negatives Skalarprodukt bedeutet einen stumpfen Winkel (größer als 90°). Die Größe hängt außerdem von den Beträgen ab, nicht nur vom Winkel.
Häufiger Irrtum
Irrtum: „Das Kreuzprodukt ist kommutativ: a×b=b×a.”
Richtig ist:a×b=−(b×a). Die Reihenfolge bestimmt die Richtung des Ergebnisvektors (Rechte-Hand-Regel). Für den Flächeninhalt spielt das keine Rolle, da du den Betrag nimmst.
Frage 1: Berechne den Winkel zwischen a=122 und b=21−2.
a⋅b=2+2−4=0. Da das Skalarprodukt 0 ist, stehen die Vektoren senkrecht aufeinander: φ=90°.
Frage 2: Fuer welchen Wert von k stehen a=2−13 und b=1k−1 senkrecht aufeinander?
Bedingung: a⋅b=0. Also 2⋅1+(−1)⋅k+3⋅(−1)=0, d.h. 2−k−3=0, also k=−1.
Frage 3: Berechne das Kreuzprodukt 120×003 und deute das Ergebnis geometrisch.
a×b=2⋅3−0⋅00⋅0−1⋅31⋅0−2⋅0=6−30. Dieser Vektor steht senkrecht auf a und b und ist ein Normalenvektor der Ebene, die von a und b aufgespannt wird. Der Betrag ∣a×b∣=36+9=45=35 ist der Flaecheninhalt des aufgespannten Parallelogramms.
Frage 4: Ein Dreieck hat die Eckpunkte A(0∣0∣0), B(4∣0∣0) und C(0∣3∣0). Berechne den Flaecheninhalt mit dem Kreuzprodukt und prüfe das Ergebnis mit der Schulformel 21⋅g⋅h.