Fortgeschritten ~25 Min. Mathematik & Logik

Extremwertaufgaben

Lernziele

  • Haupt- und Nebenbedingung aus einem Sachkontext aufstellen
  • die Zielfunktion durch Einsetzen der Nebenbedingung gewinnen
  • die Zielfunktion optimieren und das Ergebnis im Sachkontext interpretieren
  • Randwerte ueberprüfen

Vorwissen empfohlen

Einführung

Extremwertaufgaben sind die Koenigsklasse der Analysis: Du wendest alles an, was du ueber Ableitungen und Kurvendiskussion gelernt hast, um ein reales Optimierungsproblem zu loesen. „Welche Masse maximiert das Volumen?”, „Welcher Preis bringt den hoechsten Gewinn?”, „Welche Form verbraucht am wenigsten Material?” — solche Fragen sind ein Klassiker im Abitur und zeigen, wozu Analysis in der Praxis gut ist.

Grundidee

Stell dir vor, du hast ein Stück Pappe (z. B. 20 cm mal 30 cm) und willst daraus eine offene Schachtel falten, indem du an jeder Ecke ein Quadrat ausschneidest und die Seiten hochklappst. Je größer die Quadrate, desto höher wird die Schachtel — aber desto kleiner wird der Boden. Je kleiner die Quadrate, desto flacher die Schachtel, aber der Boden ist größer.

Es gibt einen Sweet Spot — eine bestimmte Quadratgroesse, bei der das Volumen der Schachtel maximal wird. Genau diesen Sweet Spot zu finden, ist das Ziel einer Extremwertaufgabe.

Das Vorgehen folgt immer dem gleichen Schema:

  1. Was soll optimiert werden? → Hauptbedingung (z. B. Volumen maximieren)
  2. Welche Einschraenkung gibt es? → Nebenbedingung (z. B. feste Papiergroesse)
  3. Alles in eine Variable umschreiben → Zielfunktion
  4. Ableiten, Nullstellen finden, Maximum/Minimum bestimmen

Erklärung

Das 4-Schritte-Schema

Vorgehen bei Extremwertaufgaben

Schritt 1 — Hauptbedingung (HB): Stelle die Formel fuer die Größe auf, die optimiert werden soll (Fläche, Volumen, Gewinn, Kosten, …).

Schritt 2 — Nebenbedingung (NB): Formuliere die Einschraenkung als Gleichung. Loese sie nach einer Variablen auf.

Schritt 3 — Zielfunktion: Setze die NB in die HB ein, sodass nur noch eine Variable übrig bleibt.

Schritt 4 — Optimieren: Leite die Zielfunktion ab, setze f(x)=0f'(x) = 0, prüfe mit ff'' oder VZW, ob Maximum oder Minimum vorliegt.

Ausfuehrliches Beispiel: Die offene Schachtel

Aus einem Stück Pappe (20cm×30cm20\,\text{cm} \times 30\,\text{cm}) werden an den Ecken Quadrate der Seitenlaenge xx ausgeschnitten und die Raender hochgeklappt.

Schritt 1 — Hauptbedingung:

V=LaengeBreiteHoehe=(302x)(202x)xV = \text{Laenge} \cdot \text{Breite} \cdot \text{Hoehe} = (30 - 2x)(20 - 2x) \cdot x

Schritt 2 — Nebenbedingung:

Die Nebenbedingung steckt hier bereits in der Geometrie: Die Papiergroesse ist fest. Die Variable xx muss im Bereich 0<x<100 < x < 10 liegen (sonst waere die Breite negativ oder Null).

Schritt 3 — Zielfunktion:

V(x)=x(302x)(202x)=x(600100x+4x2)=4x3100x2+600xV(x) = x(30 - 2x)(20 - 2x) = x(600 - 100x + 4x^2) = 4x^3 - 100x^2 + 600x

Schritt 4 — Optimieren:

V(x)=12x2200x+600V'(x) = 12x^2 - 200x + 600

V(x)=012x2200x+600=03x250x+150=0V'(x) = 0 \quad \Rightarrow \quad 12x^2 - 200x + 600 = 0 \quad \Rightarrow \quad 3x^2 - 50x + 150 = 0

x=50±250018006=50±7006=50±1076x = \frac{50 \pm \sqrt{2500 - 1800}}{6} = \frac{50 \pm \sqrt{700}}{6} = \frac{50 \pm 10\sqrt{7}}{6}

x1=5010763,92x2=50+107612,75x_1 = \frac{50 - 10\sqrt{7}}{6} \approx 3{,}92 \qquad x_2 = \frac{50 + 10\sqrt{7}}{6} \approx 12{,}75

Da x<10x < 10 sein muss, kommt nur x13,92x_1 \approx 3{,}92 in Frage.

V(x)=24x200V(3,92)106<0MaximumV''(x) = 24x - 200 \qquad V''(3{,}92) \approx -106 < 0 \quad \Rightarrow \quad \text{Maximum}

V(3,92)460,210015,4+6003,921056,3cm3V(3{,}92) \approx 4 \cdot 60{,}2 - 100 \cdot 15{,}4 + 600 \cdot 3{,}92 \approx 1056{,}3\,\text{cm}^3

Randwerte nicht vergessen!

Prüfe immer die Raender des Definitionsbereichs. Hier: V(0)=0V(0) = 0 und V(10)=0V(10) = 0. Das Maximum liegt also tatsaechlich bei x3,92x \approx 3{,}92.

Beispiel mit expliziter Nebenbedingung

Aufgabe: Ein Bauer moechte mit 120 m Zaun eine rechteckige Weide an einer Hauswand einzaeunen. Die Hauswand bildet eine Seite, sodass nur drei Seiten Zaun benoetigen. Welche Masse maximieren die Fläche?

Schritt 1 — HB: A=abA = a \cdot b (Fläche maximieren)

Schritt 2 — NB: a+2b=120a + 2b = 120 (120 m Zaun fuer drei Seiten). Aufloesen: a=1202ba = 120 - 2b

Schritt 3 — Zielfunktion: A(b)=(1202b)b=120b2b2A(b) = (120 - 2b) \cdot b = 120b - 2b^2

Schritt 4 — Optimieren:

A(b)=1204b=0b=30A'(b) = 120 - 4b = 0 \quad \Rightarrow \quad b = 30

A(b)=4<0MaximumA''(b) = -4 < 0 \quad \Rightarrow \quad \text{Maximum}

a=120230=60a = 120 - 2 \cdot 30 = 60

Die Weide hat die Masse 60m×30m60\,\text{m} \times 30\,\text{m} mit einer Fläche von 1800m21800\,\text{m}^2.

Beispiel aus dem Alltag

Dosendesign:

Ein Hersteller will Konservendosen mit einem Volumen von 500cm3500\,\text{cm}^3 produzieren und dabei möglichst wenig Blech verwenden.

Eine zylindrische Dose hat Radius rr und Höhe hh.

HB: Oberflaeche minimieren: O=2πr2+2πrhO = 2\pi r^2 + 2\pi r h

NB: Volumen ist fest: V=πr2h=500V = \pi r^2 h = 500h=500πr2h = \frac{500}{\pi r^2}

Zielfunktion:

O(r)=2πr2+2πr500πr2=2πr2+1000rO(r) = 2\pi r^2 + 2\pi r \cdot \frac{500}{\pi r^2} = 2\pi r^2 + \frac{1000}{r}

O(r)=4πr1000r2=0O'(r) = 4\pi r - \frac{1000}{r^2} = 0

4πr3=1000r=10004π3=250π34,30cm4\pi r^3 = 1000 \quad \Rightarrow \quad r = \sqrt[3]{\frac{1000}{4\pi}} = \sqrt[3]{\frac{250}{\pi}} \approx 4{,}30\,\text{cm}

h=500π4,3028,60cmh = \frac{500}{\pi \cdot 4{,}30^2} \approx 8{,}60\,\text{cm}

Die optimale Dose hat h=2rh = 2r — sie ist also genauso hoch wie breit.

Anwendung

Aufgabe 1: Ein Draht der Laenge 40cm40\,\text{cm} wird zu einem Rechteck gebogen. Welche Seitenlaengen maximieren die Fläche?

Loesung:

NB: 2a+2b=402a + 2b = 40b=20ab = 20 - a

Zielfunktion: A(a)=a(20a)=20aa2A(a) = a(20 - a) = 20a - a^2

A(a)=202a=0A'(a) = 20 - 2a = 0a=10a = 10, also b=10b = 10.

Das Quadrat mit Seitenlaenge 10cm10\,\text{cm} hat die maximale Fläche 100cm2100\,\text{cm}^2.

Aufgabe 2: Einem Kreis mit Radius r=6r = 6 wird ein Rechteck mit groesster Fläche einbeschrieben. Bestimme die Seitenlaengen.

Loesung:

HB: A=2x2y=4xyA = 2x \cdot 2y = 4xy

NB: x2+y2=36x^2 + y^2 = 36y=36x2y = \sqrt{36 - x^2}

Zielfunktion: A(x)=4x36x2A(x) = 4x\sqrt{36 - x^2} fuer 0<x<60 < x < 6

Einfacher: Maximiere A2(x)=16x2(36x2)=576x216x4A^2(x) = 16x^2(36 - x^2) = 576x^2 - 16x^4

(A2)(x)=1152x64x3=0(A^2)'(x) = 1152x - 64x^3 = 0x2=18x^2 = 18x=32x = 3\sqrt{2}

y=3618=32y = \sqrt{36 - 18} = 3\sqrt{2}

Die Seitenlaengen sind 2x=2y=628,492x = 2y = 6\sqrt{2} \approx 8{,}49 — ein Quadrat.

Typische Fehler

Häufiger Irrtum

Irrtum: „Ich setze f(x)=0f'(x) = 0 und bin fertig.”

Richtig ist: Du musst prüfen, ob es sich um ein Maximum oder Minimum handelt (VZW oder ff''). Ausserdem musst du die Randwerte überprüfen — das globale Maximum kann auch am Rand des Definitionsbereichs liegen.

Häufiger Irrtum

Irrtum: „Die Nebenbedingung kann ich ignorieren.”

Richtig ist: Ohne Nebenbedingung hat die Hauptbedingung oft kein endliches Maximum (z. B. wird die Fläche eines Rechtecks beliebig gross, wenn es keine Einschraenkung gibt). Die NB ist entscheidend!

Häufiger Irrtum

Irrtum: „Es gibt immer genau einen Extrempunkt.”

Richtig ist: Die Zielfunktion kann mehrere Extremstellen haben. Du musst alle Kandidaten vergleichen und auch die Randwerte einbeziehen, um das globale Maximum bzw. Minimum zu finden.

Definitionsbereich beachten!

Bei Extremwertaufgaben hat die Variable immer einen eingeschraenkten Definitionsbereich (z. B. 0<x<100 < x < 10). Achte darauf, dass deine Loesung in diesem Bereich liegt, und prüfe die Funktionswerte an den Raendern.

Zusammenfassung

  • Extremwertaufgaben folgen dem 4-Schritte-Schema: Hauptbedingung, Nebenbedingung, Zielfunktion, Optimierung.
  • Die Hauptbedingung beschreibt, was optimiert werden soll.
  • Die Nebenbedingung liefert eine Einschraenkung, die eine Variable eliminiert.
  • Die Zielfunktion haengt nur noch von einer Variablen ab und wird mit f(x)=0f'(x) = 0 optimiert.
  • Randwerte muessen immer geprüft werden — das globale Optimum kann am Rand liegen.
  • Die Loesung muss im Sachkontext interpretiert werden.

Quiz

Frage 1: Was ist der Unterschied zwischen Hauptbedingung und Nebenbedingung?

Die Hauptbedingung beschreibt die Größe, die optimiert werden soll (z. B. Fläche, Volumen). Die Nebenbedingung ist eine Einschraenkung (z. B. fester Umfang, festes Material), die es erlaubt, eine Variable zu eliminieren.

Frage 2: Warum muss die Zielfunktion nur von einer Variablen abhaengen?

Weil wir zum Optimieren die Ableitung bilden und f(x)=0f'(x) = 0 setzen. Das funktioniert nur mit einer Variablen. Die Nebenbedingung dient dazu, die zweite Variable durch die erste auszudruecken.

Frage 3: Ein Rechteck hat den Umfang U=24U = 24. Welche Seitenlaengen maximieren die Fläche?

NB: 2a+2b=242a + 2b = 24b=12ab = 12 - a. Zielfunktion: A(a)=a(12a)A(a) = a(12 - a). A(a)=122a=0A'(a) = 12 - 2a = 0a=6a = 6, b=6b = 6. Maximale Fläche: 3636. Das Quadrat ist optimal.

Frage 4: Warum muss man bei Extremwertaufgaben die Randwerte prüfen?

Weil die Ableitung nur lokale Extremstellen findet. Das globale Maximum oder Minimum kann aber auch am Rand des Definitionsbereichs liegen, wo die Ableitung nicht Null sein muss. Beispiel: Auf [0;10][0; 10] kann f(0)f(0) oder f(10)f(10) größer sein als der lokale Hochpunkt.

Schlüsselwörter

hauptbedingungnebenbedingungzielfunktionoptimierungrandwerte