Binomialverteilung
Lernziele
- Bernoulli-Experimente erkennen
- die Binomialformel anwenden
- Erwartungswert und Standardabweichung berechnen
- kumulierte Wahrscheinlichkeiten bestimmen
Vorwissen empfohlen
Einführung
Die Binomialverteilung ist das zentrale Thema der Stochastik im Abitur. Sie beschreibt, wie wahrscheinlich es ist, bei wiederholten Versuchen eine bestimmte Anzahl an Treffern zu erzielen — vom Münzwurf über Qualitätskontrollen bis hin zu medizinischen Studien. Wer die Binomialverteilung beherrscht, hat den Großteil der Abi-Stochastik im Griff.
Grundidee
Du wirfst 10-mal eine Münze. „Natürlich kommen 5-mal Kopf!” — oder? Tatsächlich passiert genau 5-mal Kopf nur in 24,6 % der Fälle. In mehr als drei Viertel aller Versuche kommt eine andere Zahl heraus. Überrascht?
Stell dir das so vor: Du stehst vor einem Glücksrad, das du 10-mal drehst. Jedes Mal gibt es nur zwei Möglichkeiten — Treffer oder Niete. Du fragst dich: Wie wahrscheinlich sind genau 7 Treffer? Das klingt nach einer einfachen Frage, aber die Antwort hat es in sich:
- Wie viele Treffer? — Das legt die „Kraft” fest ( für Treffer, für Nieten)
- In welcher Reihenfolge? — Es gibt viele verschiedene Anordnungen ( Möglichkeiten)
Die Binomialverteilung packt beides zusammen in eine einzige Formel.
So sieht die Verteilung für 10 Münzwürfe aus — die Wahrscheinlichkeit für jede Trefferzahl:
P(X=k)
0.25 │ ██
0.20 │ ██ ██
0.15 │ ██ ██
0.10 │ ██ ██
0.05 │ █ █
0.01 │ █ █
└──┬──┬──┬──┬──┬──┬──┬──┬──┬──┬──
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
Anzahl Kopf (k)
Die Verteilung ist symmetrisch bei p = 0,5
Der Gipfel liegt bei k = 5, aber P(X=5) ≈ 0,246
Weil es bei 10 Münzwürfen verschiedene Ergebnisfolgen gibt. Nur 252 davon haben genau 5-mal Kopf. Das sind . Die restlichen 75 % verteilen sich auf alle anderen Trefferzahlen.
Erklärung
Bernoulli-Experiment
Ein Bernoulli-Experiment hat genau zwei Ausgänge:
- Treffer (Erfolg) mit Wahrscheinlichkeit
- Niete (Misserfolg) mit Wahrscheinlichkeit
Beispiele: Münzwurf (Kopf/Zahl), Bauteil (funktioniert/defekt), Klausur (bestanden/nicht bestanden).
Bernoulli-Kette
Eine Bernoulli-Kette der Länge ist die -fache unabhängige Wiederholung eines Bernoulli-Experiments.
Prüfe immer diese drei Bedingungen, bevor du die Binomialformel verwendest:
- ✅ Genau zwei Ausgänge pro Versuch (Treffer oder Niete)
- ✅ Konstante Trefferwahrscheinlichkeit bei jedem Versuch
- ✅ Unabhängigkeit — das Ergebnis eines Versuchs beeinflusst die anderen nicht
Wenn eine Bedingung verletzt ist, darfst du die Binomialverteilung nicht anwenden!
Die Binomialformel
Die Zufallsgröße = „Anzahl der Treffer” bei einer Bernoulli-Kette der Länge ist binomialverteilt: .
In Worten: Die Wahrscheinlichkeit für genau Treffer ist die Anzahl der möglichen Anordnungen mal die Wahrscheinlichkeit einer einzelnen solchen Anordnung.
- : Anzahl der Möglichkeiten, Treffer auf Versuche zu verteilen
- : Wahrscheinlichkeit für Treffer
- : Wahrscheinlichkeit für Nieten
Warum braucht man ? Ein konkretes Beispiel:
Stell dir 8 Würfe vor, du willst genau 5 Treffer (T) und 3 Nieten (N). Hier sind einige der möglichen Anordnungen:
TTTTTNN N ← alle 5 Treffer am Anfang
TTNTN TNN ← Treffer verstreut
NNNTTTTT ← alle 5 Treffer am Ende
TNTNTN TN ← abwechselnd
...
Es gibt C(8,5) = 56 solche Anordnungen!
Jede einzelne hat die Wahrscheinlichkeit p⁵·(1-p)³.
Also: P(X=5) = 56 · p⁵ · (1-p)³
Erwartungswert und Streuung
In Worten: Der Erwartungswert sagt dir, wie viele Treffer du „im Schnitt” erwarten kannst. Die Standardabweichung sagt dir, wie weit das tatsächliche Ergebnis typischerweise davon abweicht.
Der Erwartungswert gibt an, wie viele Treffer man „im Durchschnitt” erwartet. Die Standardabweichung misst, wie stark die Ergebnisse typischerweise um streuen.
Kumulierte Wahrscheinlichkeiten
Oft fragt man nicht nach , sondern nach:
In Worten: „Höchstens 3 Treffer” bedeutet — addiere .
„Mindestens” rechnet man über das Gegenereignis:
Sigma-Regeln
Für große (Faustregel: ) gelten näherungsweise:
| Bereich | Wahrscheinlichkeit | Merkregel |
|---|---|---|
| ca. 2/3 | ||
| der „95 %-Standard” | ||
| fast wie 1,96σ | ||
| fast alles | ||
| praktisch alles |
Beispiel aus dem Alltag
Beispiel 1: Qualitätskontrolle
Eine Fabrik weiß, dass ihrer Bauteile fehlerhaft sind. Aus einer Lieferung werden 50 Teile zufällig geprüft.
Im Schnitt erwartet man 2 defekte Teile in der Stichprobe.
Beispiel 2: Multiple-Choice-Test
Ein Test hat 10 Fragen mit je 4 Antwortmöglichkeiten. Du rätst bei jeder Frage.
Die Chance, keine einzige Frage richtig zu raten, liegt bei etwa .
Im Schnitt rät man von 10 Fragen richtig.
Anwendung
Aufgabe 1: P(X = k) berechnen
Eine faire Münze wird 8-mal geworfen. Wie wahrscheinlich sind genau 5-mal Kopf?
Aufgabe 2: P(X ≥ 3) über Gegenereignis
Bei einem Würfel gilt „Treffer” = Sechs, also . Der Würfel wird 10-mal geworfen.
Aufgabe 3: Erwartungswert und Standardabweichung
Eine Maschine produziert Teile mit Ausschuss. In einer Stichprobe von :
Man erwartet im Schnitt 4 defekte Teile, mit einer Streuung von etwa .
Aufgabe 4: Sigma-Umgebung
Für die Stichprobe aus Aufgabe 3: In welchem Bereich liegen die Ergebnisse mit Sicherheit?
Typische Fehler
Irrtum: „ — den Binomialkoeffizienten braucht man nicht.”
Richtig ist: Ohne berechnet man nur einen bestimmten Pfad im Baumdiagramm. Es gibt aber verschiedene Anordnungen der Treffer — und alle haben dieselbe Wahrscheinlichkeit.
Irrtum: „”
Richtig ist: . Achtung auf die Grenze: selbst gehört zum Gegenereignis oder nicht? Tipp: Schreib dir die Ungleichung explizit hin und prüfe, ob enthalten sein soll.
Irrtum: „Der Erwartungswert ist das wahrscheinlichste Ergebnis.”
Richtig ist: ist ein Durchschnitt über viele Wiederholungen. Bei einem einzelnen Experiment muss nicht eintreten — und muss nicht einmal eine ganze Zahl sein (z. B. ).
Die Binomialverteilung gilt nur bei konstanter Trefferwahrscheinlichkeit und unabhängigen Versuchen. Beim Ziehen ohne Zurücklegen ist sie streng genommen falsch — da braucht man die hypergeometrische Verteilung.
Weitere häufige Fehler:
- Sigma-Regeln bei kleinem anwenden: Die Näherung über die Normalverteilung funktioniert erst ab .
Zusammenfassung
- Ein Bernoulli-Experiment hat zwei Ausgänge mit konstanter Trefferwahrscheinlichkeit .
- Die Binomialformel zählt die Treffer bei Versuchen.
- Erwartungswert und Standardabweichung .
- Kumulierte Wahrscheinlichkeiten und das Gegenereignis sind essentiell für „mindestens/höchstens”-Fragen.
- Die Sigma-Regeln geben Intervalle an, in denen die Ergebnisse mit hoher Wahrscheinlichkeit liegen.
- Binomialverteilung ist die Basis für Hypothesentests im Abitur.
Quiz
Frage 1: Nenne die drei Bedingungen für eine Bernoulli-Kette.
Frage 2: . Berechne und .
Frage 3: Warum verwendet man bei das Gegenereignis?
Frage 4: Was bedeutet in der Binomialformel anschaulich?