Mittelstufe ~25 Min. Mathematik & Logik

Binomialverteilung

Lernziele

  • Bernoulli-Experimente erkennen
  • die Binomialformel anwenden
  • Erwartungswert und Standardabweichung berechnen
  • kumulierte Wahrscheinlichkeiten bestimmen

Einführung

Die Binomialverteilung ist das zentrale Thema der Stochastik im Abitur. Sie beschreibt, wie wahrscheinlich es ist, bei wiederholten Versuchen eine bestimmte Anzahl an Treffern zu erzielen — vom Münzwurf über Qualitätskontrollen bis hin zu medizinischen Studien. Wer die Binomialverteilung beherrscht, hat den Großteil der Abi-Stochastik im Griff.

Grundidee

Du wirfst 10-mal eine Münze. „Natürlich kommen 5-mal Kopf!” — oder? Tatsächlich passiert genau 5-mal Kopf nur in 24,6 % der Fälle. In mehr als drei Viertel aller Versuche kommt eine andere Zahl heraus. Überrascht?

Stell dir das so vor: Du stehst vor einem Glücksrad, das du 10-mal drehst. Jedes Mal gibt es nur zwei Möglichkeiten — Treffer oder Niete. Du fragst dich: Wie wahrscheinlich sind genau 7 Treffer? Das klingt nach einer einfachen Frage, aber die Antwort hat es in sich:

  1. Wie viele Treffer? — Das legt die „Kraft” fest (pkp^k für Treffer, (1p)nk(1-p)^{n-k} für Nieten)
  2. In welcher Reihenfolge? — Es gibt viele verschiedene Anordnungen ((nk)\binom{n}{k} Möglichkeiten)

Die Binomialverteilung packt beides zusammen in eine einzige Formel.

So sieht die Verteilung für 10 Münzwürfe aus — die Wahrscheinlichkeit für jede Trefferzahl:

P(X=k)
0.25 │          ██
0.20 │       ██    ██
0.15 │     ██        ██
0.10 │   ██            ██
0.05 │  █                █
0.01 │ █                  █
     └──┬──┬──┬──┬──┬──┬──┬──┬──┬──┬──
        0  1  2  3  4  5  6  7  8  9  10
                  Anzahl Kopf (k)

       Die Verteilung ist symmetrisch bei p = 0,5
       Der Gipfel liegt bei k = 5, aber P(X=5) ≈ 0,246
Warum nicht immer 5 von 10?

Weil es bei 10 Münzwürfen 210=10242^{10} = 1024 verschiedene Ergebnisfolgen gibt. Nur 252 davon haben genau 5-mal Kopf. Das sind 252/102424,6%252/1024 \approx 24{,}6\,\%. Die restlichen 75 % verteilen sich auf alle anderen Trefferzahlen.

Erklärung

Bernoulli-Experiment

Ein Bernoulli-Experiment hat genau zwei Ausgänge:

  • Treffer (Erfolg) mit Wahrscheinlichkeit pp
  • Niete (Misserfolg) mit Wahrscheinlichkeit 1p1 - p

Beispiele: Münzwurf (Kopf/Zahl), Bauteil (funktioniert/defekt), Klausur (bestanden/nicht bestanden).

Bernoulli-Kette

Eine Bernoulli-Kette der Länge nn ist die nn-fache unabhängige Wiederholung eines Bernoulli-Experiments.

Wann gilt die Binomialverteilung? — Die 3 Bernoulli-Bedingungen

Prüfe immer diese drei Bedingungen, bevor du die Binomialformel verwendest:

  • Genau zwei Ausgänge pro Versuch (Treffer oder Niete)
  • Konstante Trefferwahrscheinlichkeit pp bei jedem Versuch
  • Unabhängigkeit — das Ergebnis eines Versuchs beeinflusst die anderen nicht

Wenn eine Bedingung verletzt ist, darfst du die Binomialverteilung nicht anwenden!

Die Binomialformel

Die Zufallsgröße XX = „Anzahl der Treffer” bei einer Bernoulli-Kette der Länge nn ist binomialverteilt: XB(n;p)X \sim B(n; p).

In Worten: Die Wahrscheinlichkeit für genau kk Treffer ist die Anzahl der möglichen Anordnungen mal die Wahrscheinlichkeit einer einzelnen solchen Anordnung.

P(X=k)=(nk)pk(1p)nkP(X = k) = \binom{n}{k} \cdot p^k \cdot (1-p)^{n-k}

Die Binomialformel — Kernformel der Abi-Stochastik
  • (nk)\binom{n}{k}: Anzahl der Möglichkeiten, kk Treffer auf nn Versuche zu verteilen
  • pkp^k: Wahrscheinlichkeit für kk Treffer
  • (1p)nk(1-p)^{n-k}: Wahrscheinlichkeit für nkn-k Nieten

Warum braucht man (nk)\binom{n}{k}? Ein konkretes Beispiel:

Stell dir 8 Würfe vor, du willst genau 5 Treffer (T) und 3 Nieten (N). Hier sind einige der möglichen Anordnungen:

TTTTTNN N    ← alle 5 Treffer am Anfang
TTNTN TNN    ← Treffer verstreut
NNNTTTTT     ← alle 5 Treffer am Ende
TNTNTN TN    ← abwechselnd
...

Es gibt C(8,5) = 56 solche Anordnungen!
Jede einzelne hat die Wahrscheinlichkeit p⁵·(1-p)³.
Also: P(X=5) = 56 · p⁵ · (1-p)³

Erwartungswert und Streuung

In Worten: Der Erwartungswert sagt dir, wie viele Treffer du „im Schnitt” erwarten kannst. Die Standardabweichung sagt dir, wie weit das tatsächliche Ergebnis typischerweise davon abweicht.

μ=E(X)=np\mu = E(X) = n \cdot p

Var(X)=np(1p)\text{Var}(X) = n \cdot p \cdot (1-p)

σ=np(1p)\sigma = \sqrt{n \cdot p \cdot (1-p)}

Der Erwartungswert μ\mu gibt an, wie viele Treffer man „im Durchschnitt” erwartet. Die Standardabweichung σ\sigma misst, wie stark die Ergebnisse typischerweise um μ\mu streuen.

Kumulierte Wahrscheinlichkeiten

Oft fragt man nicht nach P(X=k)P(X = k), sondern nach:

In Worten: „Höchstens 3 Treffer” bedeutet P(X3)P(X \leq 3) — addiere P(X=0)+P(X=1)+P(X=2)+P(X=3)P(X=0) + P(X=1) + P(X=2) + P(X=3).

P(Xk)=i=0kP(X=i)(kumulierte Verteilung)P(X \leq k) = \sum_{i=0}^{k} P(X = i) \qquad \text{(kumulierte Verteilung)}

„Mindestens” rechnet man über das Gegenereignis:

P(Xk)=1P(Xk1)(u¨ber Gegenereignis)P(X \geq k) = 1 - P(X \leq k-1) \qquad \text{(über Gegenereignis)}

Sigma-Regeln

Für große nn (Faustregel: np(1p)>9n \cdot p \cdot (1-p) > 9) gelten näherungsweise:

Sigma-Regeln — Schnelle Abschätzung
BereichWahrscheinlichkeitMerkregel
μ±σ\mu \pm \sigma68,3%\approx 68{,}3\,\%ca. 2/3
μ±1,96σ\mu \pm 1{,}96\sigma95%\approx 95\,\%der „95 %-Standard”
μ±2σ\mu \pm 2\sigma95,4%\approx 95{,}4\,\%fast wie 1,96σ
μ±2,58σ\mu \pm 2{,}58\sigma99%\approx 99\,\%fast alles
μ±3σ\mu \pm 3\sigma99,7%\approx 99{,}7\,\%praktisch alles

Beispiel aus dem Alltag

Beispiel 1: Qualitätskontrolle

Eine Fabrik weiß, dass 4%4\,\% ihrer Bauteile fehlerhaft sind. Aus einer Lieferung werden 50 Teile zufällig geprüft.

XB(50;  0,04)X \sim B(50; \; 0{,}04)

μ=500,04=2\mu = 50 \cdot 0{,}04 = 2

Im Schnitt erwartet man 2 defekte Teile in der Stichprobe.

σ=500,040,96=1,921,39\sigma = \sqrt{50 \cdot 0{,}04 \cdot 0{,}96} = \sqrt{1{,}92} \approx 1{,}39

Beispiel 2: Multiple-Choice-Test

Ein Test hat 10 Fragen mit je 4 Antwortmöglichkeiten. Du rätst bei jeder Frage.

XB(10;  0,25)X \sim B(10; \; 0{,}25)

P(X=0)=(100)0,2500,7510=0,75100,0563P(X = 0) = \binom{10}{0} \cdot 0{,}25^0 \cdot 0{,}75^{10} = 0{,}75^{10} \approx 0{,}0563

Die Chance, keine einzige Frage richtig zu raten, liegt bei etwa 5,6%5{,}6\,\%.

μ=100,25=2,5\mu = 10 \cdot 0{,}25 = 2{,}5

Im Schnitt rät man 2,52{,}5 von 10 Fragen richtig.

Anwendung

Aufgabe 1: P(X = k) berechnen

Eine faire Münze wird 8-mal geworfen. Wie wahrscheinlich sind genau 5-mal Kopf?

P(X=5)=(85)0,550,53=560,58=561256P(X = 5) = \binom{8}{5} \cdot 0{,}5^5 \cdot 0{,}5^3 = 56 \cdot 0{,}5^8 = 56 \cdot \frac{1}{256}

P(X=5)=56256=0,2187521,9%\boxed{P(X = 5) = \frac{56}{256} = 0{,}21875 \approx 21{,}9\,\%}

Aufgabe 2: P(X ≥ 3) über Gegenereignis

Bei einem Würfel gilt „Treffer” = Sechs, also p=16p = \frac{1}{6}. Der Würfel wird 10-mal geworfen.

P(X3)=1P(X2)=1[P(X=0)+P(X=1)+P(X=2)]P(X \geq 3) = 1 - P(X \leq 2) = 1 - [P(X=0) + P(X=1) + P(X=2)]

P(X=0)=(100)(16)0(56)100,1615P(X=0) = \binom{10}{0} \cdot \left(\frac{1}{6}\right)^0 \cdot \left(\frac{5}{6}\right)^{10} \approx 0{,}1615

P(X=1)=(101)16(56)90,3230P(X=1) = \binom{10}{1} \cdot \frac{1}{6} \cdot \left(\frac{5}{6}\right)^{9} \approx 0{,}3230

P(X=2)=(102)(16)2(56)80,2907P(X=2) = \binom{10}{2} \cdot \left(\frac{1}{6}\right)^2 \cdot \left(\frac{5}{6}\right)^{8} \approx 0{,}2907

P(X3)=1(0,1615+0,3230+0,2907)=10,7752P(X \geq 3) = 1 - (0{,}1615 + 0{,}3230 + 0{,}2907) = 1 - 0{,}7752

P(X3)0,224822,5%\boxed{P(X \geq 3) \approx 0{,}2248 \approx 22{,}5\,\%}

Aufgabe 3: Erwartungswert und Standardabweichung

Eine Maschine produziert Teile mit 2%2\,\% Ausschuss. In einer Stichprobe von n=200n = 200:

μ=2000,02=4\mu = 200 \cdot 0{,}02 = 4

σ=2000,020,98=3,921,98\sigma = \sqrt{200 \cdot 0{,}02 \cdot 0{,}98} = \sqrt{3{,}92} \approx 1{,}98

Man erwartet im Schnitt 4 defekte Teile, mit einer Streuung von etwa ±2\pm 2.

Aufgabe 4: Sigma-Umgebung

Für die Stichprobe aus Aufgabe 3: In welchem Bereich liegen die Ergebnisse mit 95%95\,\% Sicherheit?

μ±1,96σ=4±1,961,98=4±3,88\mu \pm 1{,}96 \cdot \sigma = 4 \pm 1{,}96 \cdot 1{,}98 = 4 \pm 3{,}88

[0,12  ;  7,88]gerundet: 0 bis 8 defekte Teile\boxed{[0{,}12 \; ; \; 7{,}88] \Rightarrow \text{gerundet: } 0 \text{ bis } 8 \text{ defekte Teile}}

Typische Fehler

Häufiger Irrtum

Irrtum:P(X=k)=pk(1p)nkP(X = k) = p^k \cdot (1-p)^{n-k} — den Binomialkoeffizienten braucht man nicht.”

Richtig ist: Ohne (nk)\binom{n}{k} berechnet man nur einen bestimmten Pfad im Baumdiagramm. Es gibt aber (nk)\binom{n}{k} verschiedene Anordnungen der kk Treffer — und alle haben dieselbe Wahrscheinlichkeit.

Häufiger Irrtum

Irrtum:P(Xk)=1P(Xk)P(X \geq k) = 1 - P(X \leq k)

Richtig ist: P(Xk)=1P(Xk1)P(X \geq k) = 1 - P(X \leq k-1). Achtung auf die Grenze: kk selbst gehört zum Gegenereignis oder nicht? Tipp: Schreib dir die Ungleichung explizit hin und prüfe, ob kk enthalten sein soll.

Häufiger Irrtum

Irrtum: „Der Erwartungswert μ\mu ist das wahrscheinlichste Ergebnis.”

Richtig ist: μ\mu ist ein Durchschnitt über viele Wiederholungen. Bei einem einzelnen Experiment muss X=μX = \mu nicht eintreten — und μ\mu muss nicht einmal eine ganze Zahl sein (z. B. μ=2,5\mu = 2{,}5).

Bernoulli-Bedingungen prüfen!

Die Binomialverteilung gilt nur bei konstanter Trefferwahrscheinlichkeit und unabhängigen Versuchen. Beim Ziehen ohne Zurücklegen ist sie streng genommen falsch — da braucht man die hypergeometrische Verteilung.

Weitere häufige Fehler:

  • Sigma-Regeln bei kleinem nn anwenden: Die Näherung über die Normalverteilung funktioniert erst ab np(1p)>9n \cdot p \cdot (1-p) > 9.

Zusammenfassung

  • Ein Bernoulli-Experiment hat zwei Ausgänge mit konstanter Trefferwahrscheinlichkeit pp.
  • Die Binomialformel P(X=k)=(nk)pk(1p)nkP(X=k) = \binom{n}{k} \cdot p^k \cdot (1-p)^{n-k} zählt die Treffer bei nn Versuchen.
  • Erwartungswert μ=np\mu = n \cdot p und Standardabweichung σ=np(1p)\sigma = \sqrt{n \cdot p \cdot (1-p)}.
  • Kumulierte Wahrscheinlichkeiten und das Gegenereignis sind essentiell für „mindestens/höchstens”-Fragen.
  • Die Sigma-Regeln geben Intervalle an, in denen die Ergebnisse mit hoher Wahrscheinlichkeit liegen.
  • Binomialverteilung ist die Basis für Hypothesentests im Abitur.

Quiz

Frage 1: Nenne die drei Bedingungen für eine Bernoulli-Kette.

Frage 2: XB(20;  0,3)X \sim B(20; \; 0{,}3). Berechne μ\mu und σ\sigma.

Frage 3: Warum verwendet man bei P(X5)P(X \geq 5) das Gegenereignis?

Frage 4: Was bedeutet (nk)\binom{n}{k} in der Binomialformel anschaulich?

Schlüsselwörter

bernoulli-experimentbernoulli-kettebinomialverteilungerwartungswertstandardabweichungtrefferwahrscheinlichkeit