Mittelstufe ~20 Min. Mathematik & Logik

Zufallsgrößen und Erwartungswert

Lernziele

  • Zufallsgrößen definieren und Wahrscheinlichkeitsverteilungen aufstellen
  • den Erwartungswert berechnen und interpretieren
  • Varianz und Standardabweichung bestimmen
  • faire Spiele beurteilen

Einführung

Was gewinnt man „im Durchschnitt” bei einem Glücksspiel? Lohnt sich eine Versicherung? Solche Fragen beantwortet der Erwartungswert — ein zentrales Konzept der Stochastik. Er verbindet Wahrscheinlichkeiten mit konkreten Zahlenwerten und bildet die Grundlage für die Binomialverteilung und Hypothesentests im Abitur.

Grundidee

Auf dem Jahrmarkt ruft der Schausteller: „Nur 2 Euro Einsatz! Gewinne bis zu 50 Euro!”

Klingt verlockend. Du spielst einmal und gewinnst tatsächlich 10 Euro — Jackpot! Du spielst nochmal: nichts. Nochmal: nichts. Nochmal: 2 Euro zurück. Nach 10 Runden hast du 20 Euro bezahlt und 12 Euro gewonnen. Verlust: 8 Euro.

„War nur Pech”, denkst du. Also spielst du weiter. Nach 100 Runden wird es deutlich: Du hast 200 Euro eingesetzt und etwa 130 Euro zurückbekommen. Pro Spiel verlierst du im Schnitt 70 Cent.

Das ist kein Zufall — das ist der Erwartungswert in Aktion. Er sagt dir: Was passiert auf Dauer, wenn ich dieses Spiel sehr oft spiele? Und die Antwort bei Glücksspielen ist fast immer dieselbe: Das Haus gewinnt.

Der Erwartungswert macht diese Intuition mathematisch präzise. Er ist der „gewichtete Durchschnitt” aller möglichen Ergebnisse — gewichtet danach, wie wahrscheinlich sie sind.

Erklärung

Zufallsgröße

Eine Zufallsgröße XX ist eine Funktion, die jedem Ergebnis eines Zufallsexperiments eine reelle Zahl zuordnet.

In Worten: „Jedem Ausgang des Zufalls ordnen wir eine Zahl zu — meistens einen Gewinn, eine Anzahl oder eine Messgröße.”

Beispiel: Beim Würfeln ist XX = Augenzahl. Beim Glücksrad ist XX = Gewinnbetrag.

Wahrscheinlichkeitsverteilung

Die Wahrscheinlichkeitsverteilung ordnet jedem Wert xix_i von XX seine Wahrscheinlichkeit P(X=xi)P(X = x_i) zu:

xix_ix1x_1x2x_2\ldotsxnx_n
P(X=xi)P(X = x_i)p1p_1p2p_2\ldotspnp_n

Es muss gelten: ipi=1\sum_{i} p_i = 1.

So sieht das beim fairen Würfel aus:

P(X)
 1/6 │  ■     ■     ■     ■     ■     ■
     │  ■     ■     ■     ■     ■     ■
     │  ■     ■     ■     ■     ■     ■
     └──┼─────┼─────┼─────┼─────┼─────┼───  X
        1     2     3     4     5     6

Jeder Balken ist gleich hoch — jede Augenzahl ist gleich wahrscheinlich. Bei einem gezinkten Würfel wären die Balken unterschiedlich hoch.

Erwartungswert

Der Erwartungswert ist der gewichtete Durchschnitt aller möglichen Werte:

In Worten: „Nimm jeden möglichen Wert, multipliziere ihn mit seiner Wahrscheinlichkeit, und addiere alles.”

Erwartungswert — der langfristige Durchschnitt

E(X)=μ=ixiP(X=xi)E(X) = \mu = \sum_{i} x_i \cdot P(X = x_i)

  • Jeder Wert wird mit seiner Wahrscheinlichkeit gewichtet
  • Häufige Werte ziehen den Durchschnitt stärker in ihre Richtung
  • E(X)E(X) muss kein Wert sein, der tatsächlich auftreten kann
  • Er zeigt sich erst bei vielen Wiederholungen (Gesetz der großen Zahlen)

Beispiel — fairer Würfel:

E(X)=116+216+316+416+516+616=216=3,5E(X) = 1 \cdot \frac{1}{6} + 2 \cdot \frac{1}{6} + 3 \cdot \frac{1}{6} + 4 \cdot \frac{1}{6} + 5 \cdot \frac{1}{6} + 6 \cdot \frac{1}{6} = \frac{21}{6} = 3{,}5

Man erwartet im Schnitt die Augenzahl 3,53{,}5 — ein Wert, der selbst gar nicht auftreten kann!

Häufiger Irrtum

Irrtum: „Der Erwartungswert E(X)=3,5E(X) = 3{,}5 bedeutet, dass ich ungefähr 3,53{,}5 würfeln werde.”

Richtig ist: Du kannst nie 3,53{,}5 würfeln! Der Erwartungswert ist ein Durchschnitt über viele Wiederholungen. Wenn du 600-mal würfelst, wird die Summe aller Augenzahlen ungefähr 600×3,5=2100600 \times 3{,}5 = 2100 betragen. Für ein einzelnes Spiel sagt er wenig aus.

Varianz und Standardabweichung

Die Varianz misst, wie stark die Werte um den Erwartungswert streuen:

In Worten: „Wie weit weichen die Ergebnisse typischerweise vom Erwartungswert ab?”

Var(X)=i(xiμ)2P(X=xi)\text{Var}(X) = \sum_{i} (x_i - \mu)^2 \cdot P(X = x_i)

Alternativ (oft einfacher zu rechnen):

Var(X)=E(X2)[E(X)]2\text{Var}(X) = E(X^2) - [E(X)]^2

Die Standardabweichung ist die Wurzel der Varianz:

σ=Var(X)\sigma = \sqrt{\text{Var}(X)}

σ\sigma hat dieselbe Einheit wie XX und ist anschaulicher als die Varianz.

Rechenregeln

Für Konstanten aa und bb:

E(aX+b)=aE(X)+bE(aX + b) = a \cdot E(X) + b

Var(aX+b)=a2Var(X)\text{Var}(aX + b) = a^2 \cdot \text{Var}(X)

Beachte: Die Verschiebung bb ändert den Erwartungswert, aber nicht die Varianz. Die Skalierung aa wirkt quadratisch auf die Varianz.

Faires Spiel

Ein Spiel heißt fair, wenn der erwartete Gewinn gleich dem Einsatz ist — also E(Gewinn)=0E(\text{Gewinn}) = 0 (nach Abzug des Einsatzes). In der Praxis sind Glücksspiele nie fair: Der Veranstalter hat immer einen Vorteil.

Faires Spiel: E(Gewinn) = 0

Bei einem fairen Spiel ist der Einsatz genau gleich der erwarteten Auszahlung. Niemand hat einen langfristigen Vorteil. In der Realität gibt es keine fairen Glücksspiele — Casinos, Lotterien und Jahrmarktsbuden sind so konstruiert, dass E(Gewinn)<0E(\text{Gewinn}) < 0 für den Spieler gilt. Sonst könnten sie nicht existieren.

Beispiel aus dem Alltag

Beispiel 1: Glücksrad auf dem Jahrmarkt

Zurück zu unserem Schausteller. Jetzt schauen wir genau hin:

Gewinn xx0022552020
P(X=x)P(X = x)0,500{,}500,300{,}300,150{,}150,050{,}05

So sieht die Verteilung aus:

P(X)
0,50 │  ■
     │  ■
0,30 │  ■     ■
     │  ■     ■
0,15 │  ■     ■     ■
     │  ■     ■     ■
0,05 │  ■     ■     ■     ■
     └──┼─────┼─────┼─────┼───  Gewinn (€)
        0     2     5    20

Der hohe Balken bei 0 Euro dominiert — in der Hälfte der Fälle gehst du leer aus!

E(X)=00,50+20,30+50,15+200,05E(X) = 0 \cdot 0{,}50 + 2 \cdot 0{,}30 + 5 \cdot 0{,}15 + 20 \cdot 0{,}05

E(X)=0+0,60+0,75+1,00=2,35 EURE(X) = 0 + 0{,}60 + 0{,}75 + 1{,}00 = 2{,}35 \text{ EUR}

Der Einsatz beträgt 33 €. Der erwartete Verlust pro Spiel ist 2,353,00=0,652{,}35 - 3{,}00 = -0{,}65 €.

Ein faires Spiel hätte Einsatz 2,352{,}35 €.

Bei 100 Spielen verlierst du im Schnitt 100×0,65=65100 \times 0{,}65 = 65 €. Der Schausteller finanziert so sein Geschäft.

Beispiel 2: Versicherung — warum wir freiwillig „zu viel” zahlen

Ein Smartphone im Wert von 800800 € hat folgende Schadenswahrscheinlichkeiten pro Jahr:

Schaden00200200800800
Wahrscheinlichkeit0,850{,}850,100{,}100,050{,}05

E(Schaden)=00,85+2000,10+8000,05=0+20+40=60 EURE(\text{Schaden}) = 0 \cdot 0{,}85 + 200 \cdot 0{,}10 + 800 \cdot 0{,}05 = 0 + 20 + 40 = 60 \text{ EUR}

Eine Versicherung kostet 8080 €/Jahr — also 2020 € mehr als der erwartete Schaden. Ist das ein schlechter Deal?

Rein mathematisch: ja. Du zahlst im Schnitt 2020 € zu viel.

Aber stell dir vor, du hast kein Geld für ein neues Smartphone. Der Totalverlust von 800800 € wäre eine Katastrophe — auch wenn er nur mit 5%5\,\% Wahrscheinlichkeit eintritt. Wir zahlen freiwillig mehr als den Erwartungswert, um das RISIKO des schlimmsten Falls zu vermeiden. Das ist keine Dummheit, sondern rationales Verhalten — und genau deshalb funktioniert das Geschäftsmodell von Versicherungen.

Anwendung

Aufgabe 1: Wahrscheinlichkeitsverteilung aufstellen

Zwei Würfel werden geworfen, XX = Summe der Augenzahlen.

xx2233445566778899101011111212
P(X=x)P(X=x)136\frac{1}{36}236\frac{2}{36}336\frac{3}{36}436\frac{4}{36}536\frac{5}{36}636\frac{6}{36}536\frac{5}{36}436\frac{4}{36}336\frac{3}{36}236\frac{2}{36}136\frac{1}{36}
P(X)
6/36 │              ■
5/36 │           ■  ■  ■
4/36 │        ■  ■  ■  ■  ■
3/36 │     ■  ■  ■  ■  ■  ■  ■
2/36 │  ■  ■  ■  ■  ■  ■  ■  ■  ■
1/36 │  ■  ■  ■  ■  ■  ■  ■  ■  ■  ■  ■
     └──┼──┼──┼──┼──┼──┼──┼──┼──┼──┼──┼──  X
        2  3  4  5  6  7  8  9 10 11 12

Die 7 ist am wahrscheinlichsten — es gibt die meisten Kombinationen (1+6, 2+5, 3+4, 4+3, 5+2, 6+1).

Kontrolle: 1+2+3+4+5+6+5+4+3+2+1=361+2+3+4+5+6+5+4+3+2+1 = 363636=1\frac{36}{36} = 1

Aufgabe 2: Erwartungswert eines Glücksspiels

Ein Spiel kostet 55 € Einsatz. Man würfelt einmal:

  • Augenzahl 6 → Gewinn 1515
  • Augenzahl 5 → Gewinn 55 € (Einsatz zurück)
  • Sonst → nichts

E(Auszahlung)=1516+516+046=15+56=2063,33 EURE(\text{Auszahlung}) = 15 \cdot \frac{1}{6} + 5 \cdot \frac{1}{6} + 0 \cdot \frac{4}{6} = \frac{15 + 5}{6} = \frac{20}{6} \approx 3{,}33 \text{ EUR}

E(Gewinn)=3,335,00=1,67 EUR\boxed{E(\text{Gewinn}) = 3{,}33 - 5{,}00 = -1{,}67\text{ EUR}}

Man verliert im Schnitt 1,671{,}67 € pro Spiel.

Aufgabe 3: Fairen Einsatz bestimmen

Gleiches Spiel: Welcher Einsatz wäre fair?

Fairer Einsatz=E(Auszahlung)=2063,33 EUR\boxed{\text{Fairer Einsatz} = E(\text{Auszahlung}) = \frac{20}{6} \approx 3{,}33\text{ EUR}}

Aufgabe 4: Varianz und Standardabweichung

Für den fairen Würfel (XX = Augenzahl):

E(X)=3,5E(X) = 3{,}5

E(X2)=1216+2216++6216=1+4+9+16+25+366=91615,17E(X^2) = 1^2 \cdot \frac{1}{6} + 2^2 \cdot \frac{1}{6} + \ldots + 6^2 \cdot \frac{1}{6} = \frac{1+4+9+16+25+36}{6} = \frac{91}{6} \approx 15{,}17

Var(X)=E(X2)[E(X)]2=916(72)2=916494=18214712=35122,917\text{Var}(X) = E(X^2) - [E(X)]^2 = \frac{91}{6} - \left(\frac{7}{2}\right)^2 = \frac{91}{6} - \frac{49}{4} = \frac{182 - 147}{12} = \frac{35}{12} \approx 2{,}917

σ=35121,71\boxed{\sigma = \sqrt{\frac{35}{12}} \approx 1{,}71}

Typische Fehler

Häufiger Irrtum

Irrtum: „Der Erwartungswert ist das Ergebnis, das am wahrscheinlichsten eintritt.”

Richtig ist: E(X)=3,5E(X) = 3{,}5 beim Würfel — aber 3,53{,}5 kann nie eintreten! Der Erwartungswert ist der Durchschnitt über viele Wiederholungen, nicht das häufigste Einzelergebnis. Das häufigste Einzelergebnis (der Modus) ist etwas anderes.

  1. Wahrscheinlichkeiten nicht auf 1 prüfen: Wenn pi1\sum p_i \neq 1, ist die Verteilung fehlerhaft. Immer kontrollieren!

  2. Varianz-Formel verwechseln: Die Verschiebungsformel Var(X)=E(X2)[E(X)]2\text{Var}(X) = E(X^2) - [E(X)]^2 ist nicht dasselbe wie [E(X)]2E(X2)[E(X)]^2 - E(X^2). Die Reihenfolge zählt — die Varianz ist immer positiv!

  3. Einsatz beim fairen Spiel vergessen: „Faires Spiel” bezieht sich auf den Erwartungswert der Auszahlung abzüglich des Einsatzes, nicht auf die reine Auszahlung.

  4. Varianz statt Standardabweichung angeben: Die Varianz hat eine andere Einheit als XX (quadriert). Für die Interpretation braucht man die Standardabweichung σ=Var(X)\sigma = \sqrt{\text{Var}(X)}.

Zusammenfassung

  • Eine Zufallsgröße ordnet Ergebnissen Zahlenwerte zu.
  • Die Wahrscheinlichkeitsverteilung listet alle Werte mit ihren Wahrscheinlichkeiten auf (pi=1\sum p_i = 1).
  • Der Erwartungswert E(X)=xipiE(X) = \sum x_i \cdot p_i ist der langfristige Durchschnitt.
  • Varianz und Standardabweichung messen die Streuung um μ\mu.
  • Ein faires Spiel hat E(Gewinn)=0E(\text{Gewinn}) = 0.
  • Die Konzepte liefern die Grundlage für Binomialverteilung (μ=np\mu = np, σ=np(1p)\sigma = \sqrt{np(1-p)}).

Quiz

Frage 1: Ein Würfel wird einmal geworfen. XX = Augenzahl. Wie groß ist E(X)E(X)?

Frage 2: Ein Spiel kostet 44 €. Mit Wahrscheinlichkeit 14\frac{1}{4} gewinnt man 1010 €, sonst nichts. Ist das Spiel fair?

Frage 3: Warum hat die Varianz eine andere Einheit als XX?

Frage 4: E(X)=5E(X) = 5, Var(X)=4\text{Var}(X) = 4. Berechne E(3X+2)E(3X + 2) und Var(3X+2)\text{Var}(3X + 2).

Schlüsselwörter

zufallsgroessewahrscheinlichkeitsverteilungerwartungswertvarianzstandardabweichungfaires-spiel