Massenwirkungsgesetz - Gleichgewicht in chemischen Reaktionen
Lernziele
- das chemische Gleichgewicht als dynamischen Zustand verstehen
- den Gleichgewichtsausdruck Kc für eine Reaktion aufstellen
- die Bedeutung von Kc für die Lage des Gleichgewichts interpretieren
- das Prinzip von Le Chatelier auf Störungen anwenden
Vorwissen empfohlen
Einführung
Du öffnest eine Flasche Sprudelwasser. Es zischt — CO₂ entweicht. Aber warum war das Gas überhaupt im Wasser gelöst? Und warum hört das Sprudeln irgendwann auf, obwohl noch Gas im Wasser ist?
Die Antwort liegt im chemischen Gleichgewicht. Es beschreibt den Zustand, in dem eine Reaktion scheinbar stillsteht — obwohl auf molekularer Ebene ständig etwas passiert. Das Massenwirkungsgesetz (MWG) liefert die mathematische Beschreibung dieses Zustands. Es ist eines der wichtigsten Werkzeuge der Chemie und erklärt, warum manche Reaktionen fast vollständig ablaufen und andere mittendrin aufhören.
Grundidee
Stell dir einen Raum mit zwei Türen vor. Durch die eine Tür strömen Leute hinein, durch die andere hinaus. Am Anfang ist der Raum leer, also kommen viele rein und wenige gehen raus. Je voller der Raum wird, desto mehr Leute wollen raus. Irgendwann strömen pro Minute genauso viele rein wie raus. Die Zahl der Personen im Raum bleibt dann konstant — obwohl ständig Leute kommen und gehen.
Genau so funktioniert chemisches Gleichgewicht. Die Hinreaktion und die Rückreaktion laufen gleichzeitig ab. Im Gleichgewicht sind beide gleich schnell. Die Konzentrationen ändern sich nicht mehr — aber die Reaktion steht nicht still.
Erklärung
Umkehrbare Reaktionen
Viele Reaktionen laufen nicht nur in eine Richtung. Wenn Stoff A und B zu C und D reagieren, können C und D auch zurück zu A und B reagieren:
Der Doppelpfeil zeigt: Diese Reaktion ist umkehrbar. Am Anfang überwiegt die Hinreaktion (A + B → C + D), weil viel A und B vorhanden ist. Je mehr C und D entstehen, desto schneller wird die Rückreaktion. Irgendwann sind beide Reaktionsgeschwindigkeiten gleich.
Der Gleichgewichtszustand
Im Gleichgewicht gilt:
- Die Konzentrationen aller Stoffe bleiben konstant
- Hin- und Rückreaktion laufen mit gleicher Geschwindigkeit ab
- Es handelt sich um ein dynamisches Gleichgewicht — auf molekularer Ebene passiert ständig etwas
Das Massenwirkungsgesetz
Für die allgemeine Reaktion:
lautet das MWG:
Dabei steht für die Konzentration von A in mol/L. Die Exponenten sind die stöchiometrischen Koeffizienten aus der Reaktionsgleichung.
heißt Gleichgewichtskonstante. Sie hat bei gegebener Temperatur immer denselben Wert — egal, mit welchen Startkonzentrationen man beginnt.
Was sagt Kc aus?
- : Das Gleichgewicht liegt weit auf der Produktseite. Die Reaktion läuft nahezu vollständig ab.
- : Das Gleichgewicht liegt weit auf der Eduktseite. Es bilden sich kaum Produkte.
- : Edukte und Produkte liegen in vergleichbaren Konzentrationen vor.
Konkretes Beispiel: Esterbildung
Essigsäure reagiert mit Ethanol zu einem Ester und Wasser:
Das MWG lautet:
Bei Raumtemperatur ist . Das bedeutet: Im Gleichgewicht überwiegen die Produkte, aber es ist kein vollständiger Umsatz — es bleibt immer etwas Essigsäure und Ethanol übrig.
Le Chatelier: Gleichgewicht stören
Was passiert, wenn man ein Gleichgewicht stört? Das Prinzip von Le Chatelier (auch: Prinzip des kleinsten Zwangs) besagt:
Ein System im Gleichgewicht weicht einer Störung so aus, dass die Wirkung der Störung verringert wird.
Drei typische Störungen:
- Konzentration ändern: Gibt man mehr Edukt hinzu, verschiebt sich das Gleichgewicht Richtung Produkt — und umgekehrt.
- Temperatur ändern: Erhöhung der Temperatur begünstigt die endotherme Richtung. (Achtung: Dabei ändert sich auch !)
- Druck ändern (bei Gasen): Druckerhöhung begünstigt die Seite mit weniger Gasteilchen.
Beispiel aus dem Alltag
Die Ammoniaksynthese (Haber-Bosch-Verfahren):
Diese Reaktion ist exotherm und erzeugt weniger Gasteilchen als sie verbraucht (4 Moleküle → 2 Moleküle). Le Chatelier sagt:
- Hoher Druck (200–300 bar) verschiebt das Gleichgewicht Richtung Ammoniak (weniger Teilchen).
- Niedrige Temperatur würde das Gleichgewicht ebenfalls Richtung Ammoniak verschieben (exotherm), aber die Reaktion wäre viel zu langsam.
- Kompromiss: Man arbeitet bei ca. 450 °C mit Katalysator — genug Geschwindigkeit bei akzeptabler Gleichgewichtslage.
Fritz Haber und Carl Bosch haben Anfang des 20. Jahrhunderts genau mit diesen Überlegungen den industriellen Prozess entwickelt, der heute die Grundlage der Düngemittelproduktion ist.
Anwendung
Aufgabe: Gleichgewichtsausdruck aufstellen und interpretieren
Schwefeldioxid wird zu Schwefeltrioxid oxidiert (Kontaktverfahren):
Frage 1: Stelle den Ausdruck für auf.
Produkte im Zähler, Edukte im Nenner — jeweils mit den stöchiometrischen Koeffizienten als Exponenten.
Frage 2: Bei 450 °C beträgt . Was sagt das über die Lage des Gleichgewichts?
— das Gleichgewicht liegt deutlich auf der Produktseite. Es bildet sich überwiegend SO₃.
Frage 3: Was passiert, wenn man bei konstantem Volumen zusätzliches O₂ hinzufügt?
Nach Le Chatelier verschiebt sich das Gleichgewicht Richtung Produkt (SO₃), um den Konzentrationsanstieg des O₂ teilweise auszugleichen.
Typische Fehler
Viele denken: Im Gleichgewicht passiert nichts mehr, die Reaktion ist zu Ende.
Richtig ist: Das Gleichgewicht ist dynamisch. Hin- und Rückreaktion laufen ständig mit gleicher Geschwindigkeit ab. Die Konzentrationen ändern sich nicht, weil Bildung und Zerfall sich exakt die Waage halten.
Weiterer Fehler: bedeute, dass Edukte und Produkte in gleichen Konzentrationen vorliegen.
Richtig ist: bedeutet, dass der Quotient aus Produkt- und Eduktkonzentrationen den Wert 1 hat. Das ist nur dann gleiche Konzentration, wenn alle Koeffizienten gleich sind. Bei unterschiedlichen Koeffizienten können die Konzentrationen durchaus verschieden sein.
Dritter Fehler: Ein Katalysator verschiebt das Gleichgewicht.
Richtig ist: Ein Katalysator beschleunigt Hin- und Rückreaktion gleichermaßen. Er ändert nichts an und nichts an der Gleichgewichtslage. Er sorgt nur dafür, dass das Gleichgewicht schneller erreicht wird.
Zusammenfassung
Merke dir:
- Chemisches Gleichgewicht ist ein dynamischer Zustand: Hin- und Rückreaktion laufen gleich schnell, die Konzentrationen bleiben konstant
- Das MWG beschreibt das Verhältnis der Konzentrationen im Gleichgewicht: mit stöchiometrischen Koeffizienten als Exponenten
- heißt: Gleichgewicht auf der Produktseite; : auf der Eduktseite
- ist nur von der Temperatur abhängig, nicht von Startkonzentrationen oder Katalysatoren
- Le Chatelier: Ein gestörtes Gleichgewicht weicht der Störung aus — Konzentration, Temperatur und Druck beeinflussen die Lage
- Katalysatoren ändern die Geschwindigkeit, nicht die Gleichgewichtslage
Quiz
Frage 1: Was bedeutet das Doppelpfeil-Symbol ?
a) Die Reaktion verläuft doppelt so schnell b) Die Reaktion ist umkehrbar — Hin- und Rückreaktion sind möglich ✓ c) Die Reaktion verläuft in beide Richtungen gleichzeitig, aber nicht gleich schnell d) Nur die Rückreaktion findet statt
Frage 2: Die Gleichgewichtskonstante einer Reaktion beträgt . Wo liegt das Gleichgewicht?
a) Fast vollständig auf der Produktseite b) Es liegen gleich viele Edukte und Produkte vor c) Fast vollständig auf der Eduktseite ✓ d) Darüber kann man ohne Konzentrationen keine Aussage treffen
Frage 3: Bei einer exothermen Reaktion wird die Temperatur erhöht. Was passiert mit ?
a) steigt — mehr Produkte werden gebildet b) sinkt — das Gleichgewicht verschiebt sich Richtung Edukte ✓ c) bleibt gleich — nur die Geschwindigkeit ändert sich d) wird null — die Reaktion stoppt
Frage 4: Man gibt zu einem Gleichgewicht einen Katalysator hinzu. Was passiert?
a) Das Gleichgewicht verschiebt sich Richtung Produkte b) wird größer c) Das Gleichgewicht wird schneller erreicht, bleibt gleich ✓ d) Nur die Hinreaktion wird beschleunigt
Frage 5: Für die Reaktion — welcher Ausdruck für ist korrekt?
a) b) ✓ c) d)