Mittelstufe ~22 Min. Natur & Technik

Optik: Licht, Reflexion und Brechung

Lernziele

  • das Reflexionsgesetz anwenden
  • das Brechungsgesetz nach Snellius formulieren und anwenden
  • Totalreflexion erklären und die Bedingung dafür berechnen
  • die Bildentstehung an Sammel- und Zerstreuungslinsen beschreiben
  • das sichtbare Lichtspektrum einordnen

Einführung

Warum siehst du dein Spiegelbild? Warum sieht ein Strohhalm im Wasserglas geknickt aus? Warum funktionieren Brillen, Kameras und Mikroskope? Und warum leuchtet ein Regenbogen in allen Farben?

All das erklärt die Optik — die Physik des Lichts. Sie beschreibt, wie Licht sich ausbreitet, reflektiert, gebrochen und zerlegt wird. In dieser Lektion lernst du die Grundgesetze der Optik kennen: vom Spiegel über die Linse bis zum Lichtspektrum.

Grundidee

Stell dir vor, du rollst einen Ball über einen glatten Fliesenboden. Er rollt geradeaus — bis er auf einen Teppich trifft. Auf dem Teppich wird der Ball langsamer. Wenn er schräg auf die Kante zwischen Fliese und Teppich trifft, passiert etwas Interessantes: Er ändert seine Richtung. Die Seite des Balls, die zuerst den Teppich berührt, wird zuerst abgebremst, die andere Seite rollt kurz weiter — und der Ball knickt ab.

Genau das passiert mit Licht an einer Grenzfläche. Licht breitet sich in verschiedenen Materialien unterschiedlich schnell aus. Wenn es schräg von einem Material in ein anderes wechselt, ändert es seine Richtung — das ist Brechung. Und wenn es auf eine glatte Oberfläche trifft und zurückgeworfen wird, ist das Reflexion. Mit diesen zwei Phänomenen lässt sich fast die gesamte Optik erklären.

Erklärung

Reflexion: Licht wird zurückgeworfen

Wenn Licht auf eine glatte Oberfläche trifft (Spiegel, ruhige Wasseroberfläche, poliertes Metall), wird es reflektiert. Dabei gilt das Reflexionsgesetz:

αein=αaus\alpha_{\text{ein}} = \alpha_{\text{aus}}

Der Einfallswinkel ist gleich dem Ausfallswinkel — beide gemessen zum Lot (der Senkrechten auf die Oberfläche).

Reflexionsgesetz

Einfallswinkel = Ausfallswinkel (beide zum Lot gemessen). Einfallender Strahl, Lot und reflektierter Strahl liegen in einer Ebene.

Spiegelbilder entstehen, weil dein Gehirn die reflektierten Strahlen geradlinig nach hinten verlängert. Das Bild scheint hinter dem Spiegel zu liegen — es ist ein virtuelles Bild (man kann keinen Schirm dort hinstellen).

Brechung: Licht ändert die Richtung

Wenn Licht schräg von einem Medium in ein anderes übergeht (z. B. von Luft in Wasser), ändert es seine Ausbreitungsgeschwindigkeit — und damit seine Richtung. Das beschreibt das Snelliussche Brechungsgesetz:

n1sin(α1)=n2sin(α2)n_1 \cdot \sin(\alpha_1) = n_2 \cdot \sin(\alpha_2)

Brechungsgesetz (Snellius)

n1sin(α1)=n2sin(α2)n_1 \cdot \sin(\alpha_1) = n_2 \cdot \sin(\alpha_2)

  • n1n_1, n2n_2 = Brechungsindizes der beiden Medien
  • α1\alpha_1 = Einfallswinkel, α2\alpha_2 = Brechungswinkel (beide zum Lot)
  • Licht wird zum Lot hin gebrochen, wenn es in ein optisch dichteres Medium eintritt (n2>n1n_2 > n_1)

Der Brechungsindex nn gibt an, wie stark ein Material Licht bremst:

MediumBrechungsindex nn
Vakuum1,0001{,}000
Luft1,000\approx 1{,}000
Wasser1,3331{,}333
Glas1,51{,}5 bis 1,91{,}9
Diamant2,4172{,}417

Faustregel: Licht wird beim Übergang in ein optisch dichteres Medium (nn größer) zum Lot hin gebrochen und beim Übergang in ein optisch dünneres Medium vom Lot weg.

Totalreflexion

Wenn Licht von einem optisch dichteren in ein optisch dünneres Medium übergeht (z. B. von Wasser in Luft) und der Einfallswinkel groß genug ist, wird das Licht gar nicht mehr gebrochen, sondern vollständig reflektiert. Das heißt Totalreflexion.

Der Grenzwinkel αgrenz\alpha_{\text{grenz}} berechnet sich aus:

sin(αgrenz)=n2n1\sin(\alpha_{\text{grenz}}) = \frac{n_2}{n_1}

Für Wasser-Luft: sin(αgrenz)=1,0001,333=0,750\sin(\alpha_{\text{grenz}}) = \frac{1{,}000}{1{,}333} = 0{,}750αgrenz48,6°\alpha_{\text{grenz}} \approx 48{,}6°

Anwendung: Glasfaserkabel

Totalreflexion ist die Grundlage der Glasfasertechnologie: Licht wird im Inneren einer dünnen Glasfaser immer wieder totalreflektiert und kann so über hunderte Kilometer transportiert werden — praktisch ohne Verlust. So funktioniert das Internet.

Linsen: Licht bündeln und streuen

Linsen nützen Brechung, um Licht gezielt zu lenken:

Sammellinse (konvex):

  • In der Mitte dicker als am Rand
  • Bündelt parallele Lichtstrahlen in einem Punkt — dem Brennpunkt (FF)
  • Der Abstand vom Linsenmittelpunkt zum Brennpunkt heißt Brennweite (ff)
  • Erzeugt reelle Bilder (auf einem Schirm auffangbar), wenn der Gegenstand weiter als ff entfernt ist
  • Erzeugt virtuelle, vergrößerte Bilder, wenn der Gegenstand näher als ff ist (Lupe!)

Zerstreuungslinse (konkav):

  • In der Mitte dünner als am Rand
  • Zerstreut parallele Lichtstrahlen so, als kämen sie aus einem Punkt vor der Linse
  • Erzeugt immer virtuelle, verkleinerte Bilder
  • Wird bei Kurzsichtigkeit eingesetzt (korrigiert zu starke Brechung im Auge)

Die Linsengleichung verknüpft Gegenstandsweite (gg), Bildweite (bb) und Brennweite (ff):

1f=1g+1b\frac{1}{f} = \frac{1}{g} + \frac{1}{b}

Das Lichtspektrum

Weißes Licht ist eine Mischung aller sichtbaren Wellenlängen. Ein Prisma oder Regentropfen zerlegt weißes Licht, weil der Brechungsindex wellenlängenabhängig ist — kurzwelliges Licht (blau/violett) wird stärker gebrochen als langwelliges (rot). Das nennt man Dispersion.

FarbeWellenlänge
Violett380380420nm420\,\text{nm}
Blau420420490nm490\,\text{nm}
Grün490490575nm575\,\text{nm}
Gelb575575590nm590\,\text{nm}
Orange590590620nm620\,\text{nm}
Rot620620780nm780\,\text{nm}

Beispiel aus dem Alltag

Der geknickte Strohhalm:

Wenn du einen Strohhalm schräg ins Wasser stellst, sieht er an der Wasseroberfläche abgeknickt aus. Das liegt an der Brechung: Lichtstrahlen vom unteren Teil des Strohhalms werden beim Übergang von Wasser in Luft vom Lot weg gebrochen. Dein Auge verlängert die ankommenden Strahlen geradlinig nach hinten — und „sieht” den unteren Teil des Strohhalms an einer anderen Position. Das Bild ist verschoben.

Der Regenbogen:

Ein Regenbogen entsteht durch das Zusammenspiel von Brechung, Totalreflexion und Dispersion in Regentropfen:

  1. Sonnenlicht tritt in den Tropfen ein → Brechung (verschiedene Wellenlängen werden unterschiedlich stark gebrochen)
  2. An der Rückseite des Tropfens → Totalreflexion
  3. Beim Austritt → erneute Brechung

Das Ergebnis: Jede Farbe verlässt den Tropfen in einem leicht anderen Winkel. Rot erscheint außen (42°42°), Violett innen (40°40°). Millionen Tropfen zusammen erzeugen den sichtbaren Bogen.

Anwendung

Übung 1: Brechungsgesetz anwenden

Licht trifft unter einem Winkel von 30°30° zum Lot auf eine Wasseroberfläche (nLuft=1,000n_{\text{Luft}} = 1{,}000, nWasser=1,333n_{\text{Wasser}} = 1{,}333). Berechne den Brechungswinkel.

Lösung: n1sin(α1)=n2sin(α2)n_1 \cdot \sin(\alpha_1) = n_2 \cdot \sin(\alpha_2). Also: 1,000sin(30°)=1,333sin(α2)1{,}000 \cdot \sin(30°) = 1{,}333 \cdot \sin(\alpha_2). sin(α2)=0,5001,333=0,375\sin(\alpha_2) = \frac{0{,}500}{1{,}333} = 0{,}375. α2=arcsin(0,375)22,0°\alpha_2 = \arcsin(0{,}375) \approx 22{,}0°. Das Licht wird zum Lot hin gebrochen.

Übung 2: Totalreflexion

Berechne den Grenzwinkel der Totalreflexion für den Übergang Glas (n=1,50n = 1{,}50) → Luft.

Lösung: sin(αgrenz)=n2n1=1,0001,500=0,667\sin(\alpha_{\text{grenz}}) = \frac{n_2}{n_1} = \frac{1{,}000}{1{,}500} = 0{,}667. αgrenz=arcsin(0,667)41,8°\alpha_{\text{grenz}} = \arcsin(0{,}667) \approx 41{,}8°. Ab einem Einfallswinkel von ca. 42°42° wird das Licht totalreflektiert.

Übung 3: Linsengleichung

Eine Sammellinse hat die Brennweite f=10cmf = 10\,\text{cm}. Ein Gegenstand steht 30cm30\,\text{cm} vor der Linse. Wo entsteht das Bild?

Lösung: 1f=1g+1b\frac{1}{f} = \frac{1}{g} + \frac{1}{b}110=130+1b\frac{1}{10} = \frac{1}{30} + \frac{1}{b}1b=110130=3130=230\frac{1}{b} = \frac{1}{10} - \frac{1}{30} = \frac{3-1}{30} = \frac{2}{30}b=15cmb = 15\,\text{cm}. Das Bild entsteht 15cm15\,\text{cm} hinter der Linse.

Typische Fehler

Häufiger Irrtum

Irrtum: „Licht wird an der Oberfläche gebrochen, weil es abprallt.”

Richtig ist: Brechung und Reflexion sind verschiedene Phänomene. Bei der Reflexion wird Licht zurückgeworfen, bei der Brechung tritt es ins neue Medium ein und ändert dabei seine Richtung. An jeder Grenzfläche passiert beides gleichzeitig: Ein Teil wird reflektiert, ein anderer gebrochen.

Häufiger Irrtum

Irrtum: „Totalreflexion passiert, wenn Licht auf ein sehr dichtes Material trifft.”

Richtig ist: Totalreflexion tritt nur auf, wenn Licht vom optisch dichteren ins optisch dünnere Medium übergeht (z. B. Glas → Luft), und nur wenn der Einfallswinkel größer als der Grenzwinkel ist. Beim Übergang von Luft in Glas gibt es keine Totalreflexion.

Weiterer Fehler: Einfalls- und Brechungswinkel zur Oberfläche statt zum Lot messen. Alle Winkel in der Optik werden zum Lot (der Senkrechten auf die Oberfläche) gemessen — nicht zur Oberfläche selbst. Ein Strahl, der senkrecht einfällt, hat den Einfallswinkel 0°, nicht 90°90°.

Noch ein Fehler: Sammellinse und Lupe verwechseln. Eine Lupe ist eine Sammellinse — aber sie funktioniert als Lupe nur, wenn der Gegenstand innerhalb der Brennweite liegt. Liegt er weiter weg, erzeugt dieselbe Linse ein umgekehrtes, reelles Bild (wie in einer Kamera).

Zusammenfassung

Merke dir:

  • Reflexionsgesetz: Einfallswinkel = Ausfallswinkel (beide zum Lot)
  • Brechungsgesetz (Snellius): n1sin(α1)=n2sin(α2)n_1 \cdot \sin(\alpha_1) = n_2 \cdot \sin(\alpha_2) — Licht wird beim Übergang ins optisch dichtere Medium zum Lot hin gebrochen
  • Totalreflexion tritt auf, wenn Licht vom optisch dichteren ins dünnere Medium geht und der Einfallswinkel den Grenzwinkel überschreitet — Grundlage der Glasfaser
  • Sammellinsen bündeln Licht (reelle oder virtuelle Bilder), Zerstreuungslinsen streuen es (immer virtuelle Bilder)
  • Die Linsengleichung 1f=1g+1b\frac{1}{f} = \frac{1}{g} + \frac{1}{b} verknüpft Brennweite, Gegenstandsweite und Bildweite
  • Dispersion — die wellenlängenabhängige Brechung — erzeugt Regenbögen und zerlegt weißes Licht in seine Spektralfarben

Quiz

Frage 1: Ein Lichtstrahl trifft unter 45°45° zum Lot auf eine Glasplatte (n=1,50n = 1{,}50). Berechne den Brechungswinkel im Glas.

Frage 2: Erkläre, warum Totalreflexion nur beim Übergang vom optisch dichteren zum optisch dünneren Medium auftreten kann.

Frage 3: Eine Sammellinse mit f=20cmf = 20\,\text{cm} wird als Lupe verwendet. Der Gegenstand befindet sich 10cm10\,\text{cm} vor der Linse. Entsteht ein reelles oder virtuelles Bild?

Frage 4: Warum sehen wir einen Regenbogen in Farben, obwohl Sonnenlicht weiß ist?

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