Mittelstufe ~15 Min. Mathematik & Logik

Zahlentheorie — Primzahlen und Teilbarkeit

Lernziele

  • erklären, was eine Primzahl ist und warum sie besonders ist
  • Primfaktorzerlegung durchführen
  • ggT und kgV berechnen (auch mit dem euklidischen Algorithmus)
  • Teilbarkeitsregeln anwenden
  • Kongruenzrechnung mit Modulo verstehen

Einführung

Die Zahlentheorie ist eine der ältesten Disziplinen der Mathematik — und zugleich eine der lebendigsten. Viele ihrer Fragen klingen simpel: Was sind Primzahlen? Wie viele gibt es? Doch die Antworten führen tief in die Struktur der ganzen Zahlen. Und seit dem 20. Jahrhundert steckt Zahlentheorie überall dort, wo Daten sicher übertragen werden: RSA-Verschlüsselung, die das HTTPS-Schloss in deinem Browser ermöglicht, basiert vollständig auf Primzahlen.

Grundidee

Eine Primzahl ist eine ganze Zahl größer als 1, die nur durch 1 und sich selbst teilbar ist. Die ersten Primzahlen sind 2,3,5,7,11,13,17,19,2, 3, 5, 7, 11, 13, 17, 19, \ldots Alle anderen ganzen Zahlen größer als 1 sind zusammengesetzte Zahlen — sie lassen sich als Produkt kleinerer Zahlen schreiben.

Das Erstaunliche: Jede ganze Zahl größer als 1 ist entweder selbst eine Primzahl oder lässt sich eindeutig als Produkt von Primzahlen schreiben. Das ist der Fundamentalsatz der Arithmetik.

Erklärung

Teilbarkeit

aa ist teilbar durch bb (geschrieben bab \mid a), wenn es eine ganze Zahl kk gibt mit a=bka = b \cdot k.

Beispiel: 6426 \mid 42, denn 42=6742 = 6 \cdot 7. Aber 7307 \nmid 30, denn 30/730 / 7 ist keine ganze Zahl.

Wichtige Teilbarkeitsregeln:

Teilbar durchRegel
2letzte Ziffer gerade
3Quersumme teilbar durch 3
4letzte zwei Ziffern teilbar durch 4
5letzte Ziffer 0 oder 5
9Quersumme teilbar durch 9
10letzte Ziffer 0

Beispiel: 738738: Quersumme =7+3+8=18= 7+3+8 = 18, also durch 3 und 9 teilbar.

Primzahlen und das Sieb des Eratosthenes

Um alle Primzahlen bis nn zu finden, nutzt man das Sieb des Eratosthenes:

  1. Schreibe alle Zahlen von 2 bis nn auf.
  2. Die kleinste nicht gestrichene Zahl ist eine Primzahl. Streiche alle ihre Vielfachen.
  3. Wiederhole, bis n\sqrt{n} überschritten ist. Alle verbliebenen Zahlen sind prim.

Primzahlen bis 30: 2,3,5,7,11,13,17,19,23,292, 3, 5, 7, 11, 13, 17, 19, 23, 29

Primfaktorzerlegung

Jede ganze Zahl n>1n > 1 lässt sich eindeutig als Produkt von Primzahlen schreiben:

180=22325360=23325180 = 2^2 \cdot 3^2 \cdot 5 \qquad 360 = 2^3 \cdot 3^2 \cdot 5

Vorgehen: Teile wiederholt durch die kleinste Primzahl, die die Zahl teilt.

252÷2=126÷2=63÷3=21÷3=7252 \div 2 = 126 \div 2 = 63 \div 3 = 21 \div 3 = 7 252=22327\Rightarrow 252 = 2^2 \cdot 3^2 \cdot 7

ggT und kgV

Der größte gemeinsame Teiler ggT(a,b)\text{ggT}(a, b) ist die größte Zahl, die sowohl aa als auch bb teilt.

Das kleinste gemeinsame Vielfache kgV(a,b)\text{kgV}(a, b) ist die kleinste positive Zahl, die sowohl von aa als auch von bb geteilt wird.

Mit Primfaktorzerlegung: ggT(180,360)=22325=180(kleinste Exponenten)\text{ggT}(180, 360) = 2^2 \cdot 3^2 \cdot 5 = 180 \quad \text{(kleinste Exponenten)} kgV(180,360)=23325=360(gro¨ßte Exponenten)\text{kgV}(180, 360) = 2^3 \cdot 3^2 \cdot 5 = 360 \quad \text{(größte Exponenten)}

Nützliche Formel: ggT(a,b)kgV(a,b)=ab\text{ggT}(a,b) \cdot \text{kgV}(a,b) = a \cdot b

Euklidischer Algorithmus

Für große Zahlen ist die Primfaktorzerlegung aufwändig. Der euklidische Algorithmus berechnet den ggT schneller:

ggT(a,b)=ggT(b, amodb)solange b0\text{ggT}(a, b) = \text{ggT}(b,\ a \mod b) \quad \text{solange } b \neq 0

Beispiel: ggT(252,105)\text{ggT}(252, 105):

252=2105+42252 = 2 \cdot 105 + 42 105=242+21105 = 2 \cdot 42 + 21 42=221+042 = 2 \cdot 21 + 0

Also ggT(252,105)=21\text{ggT}(252, 105) = 21.

Kongruenzrechnung (Modulo)

ab(modm)a \equiv b \pmod{m} (lies: „aa ist kongruent zu bb modulo mm”) bedeutet, dass aa und bb denselben Rest bei Division durch mm haben — oder gleichwertig: m(ab)m \mid (a - b).

172(mod5)(beide lassen Rest 2 bei Division durch 5)17 \equiv 2 \pmod{5} \quad \text{(beide lassen Rest 2 bei Division durch 5)} 34(mod7)(denn 34=7=(1)7)-3 \equiv 4 \pmod{7} \quad \text{(denn } -3 - 4 = -7 = (-1) \cdot 7\text{)}

Restklassen: Die Menge aller Zahlen mit demselben Rest bei Division durch mm heißt Restklasse. Modulo 5 gibt es fünf Restklassen: [0],[1],[2],[3],[4][0], [1], [2], [3], [4].

Merke dir

Jede ganze Zahl lässt sich eindeutig in Primfaktoren zerlegen. Der ggT findet den „gemeinsamen Kern” zweier Zahlen — nützlich beim Kürzen von Brüchen. Der euklidische Algorithmus macht das effizient, ohne die Primfaktoren kennen zu müssen.

Unendlichkeit der Primzahlen (Euklids Beweis)

Angenommen, es gäbe nur endlich viele Primzahlen p1,p2,,pnp_1, p_2, \ldots, p_n. Bilde die Zahl N=p1p2pn+1N = p_1 \cdot p_2 \cdots p_n + 1. Diese Zahl ist durch keine der aufgelisteten Primzahlen teilbar (jede lässt Rest 1). Also ist NN entweder selbst prim oder hat einen Primfaktor außerhalb der Liste — Widerspruch! Also gibt es unendlich viele Primzahlen.

Beispiel aus dem Alltag

RSA-Verschlüsselung: Zwei sehr große Primzahlen pp und qq werden multipliziert: n=pqn = p \cdot q. Das Produkt nn ist öffentlich bekannt (es steht im Zertifikat der Website). Die Verschlüsselung nutzt nn, die Entschlüsselung braucht die Faktoren pp und qq — und die zu finden, wenn nn aus hundert Stellen besteht, ist selbst für Computer praktisch unmöglich. Das Bankgeheimnis deiner Überweisung basiert auf dieser mathematischen Einbahnstraße.

Brüche kürzen: 252360\frac{252}{360} kürzen mit ggT(252,360)=36\text{ggT}(252, 360) = 36: 252360=710\frac{252}{360} = \frac{7}{10}.

Anwendung

Aufgabe 1: Bestimme die Primfaktorzerlegung von 504504 und berechne ggT(504,180)\text{ggT}(504, 180) sowie kgV(504,180)\text{kgV}(504, 180).

Lösung: 504=23327180=22325504 = 2^3 \cdot 3^2 \cdot 7 \qquad 180 = 2^2 \cdot 3^2 \cdot 5 ggT(504,180)=2232=36\text{ggT}(504, 180) = 2^2 \cdot 3^2 = 36 kgV(504,180)=233257=2520\text{kgV}(504, 180) = 2^3 \cdot 3^2 \cdot 5 \cdot 7 = 2520 Probe: 362520=90720=50418036 \cdot 2520 = 90720 = 504 \cdot 180

Aufgabe 2: Was ist 2100(mod7)2^{100} \pmod{7}?

Lösung: Berechne den Zyklus von 2n(mod7)2^n \pmod{7}: 2122^1 \equiv 2, 2242^2 \equiv 4, 231(mod7)2^3 \equiv 1 \pmod{7} — Zyklus der Länge 3. Da 100=333+1100 = 3 \cdot 33 + 1, gilt 2100212(mod7)2^{100} \equiv 2^1 \equiv 2 \pmod{7}.

Typische Fehler

„1 ist eine Primzahl” — Nein. Die Zahl 1 gilt per Definition nicht als Primzahl. Der Fundamentalsatz der Arithmetik würde sonst scheitern (man könnte 1er beliebig hinzufügen: 6=23=231=6 = 2 \cdot 3 = 2 \cdot 3 \cdot 1 = \ldots).

Häufiger Irrtum

ggT und kgV verwechseln: ggT nimmt die kleinsten Exponenten, kgV die größten. Merkhilfe: ggT ist kleiner (oder gleich) als beide Zahlen, kgV ist größer (oder gleich) als beide.

Modulo-Fehler bei negativen Zahlen: 7(mod3)-7 \pmod{3} ist nicht 1-1, sondern 22 (in der üblichen mathematischen Konvention ist der Rest immer nicht-negativ): 7=(3)3+2-7 = (-3) \cdot 3 + 2.

Zusammenfassung

Merke dir:

  • Eine Primzahl ist größer als 1 und nur durch 1 und sich selbst teilbar — die 1 ist keine Primzahl
  • Jede Zahl >1>1 hat eine eindeutige Primfaktorzerlegung (Fundamentalsatz der Arithmetik)
  • ggT\text{ggT}: kleinste Exponenten in Primfaktorzerlegung; kgV\text{kgV}: größte Exponenten
  • Euklidischer Algorithmus: ggT(a,b)=ggT(b,amodb)\text{ggT}(a, b) = \text{ggT}(b, a \bmod b) — schnell und elegant
  • ab(modm)a \equiv b \pmod{m}: gleicher Rest bei Division durch mm
  • Es gibt unendlich viele Primzahlen (Euklids Beweis durch Widerspruch)

Quiz

Frage 1: Ist 91 eine Primzahl?

Frage 2: Berechne ggT(84,56)\text{ggT}(84, 56) mit dem euklidischen Algorithmus.

Frage 3: Welchen Rest lässt 20262026 bei Division durch 9?

Frage 4: Warum können zwei verschiedene Primzahlen niemals den gleichen ggT mit einer dritten Zahl haben, der größer als 1 ist?

Schlüsselwörter

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