Mittelstufe ~14 Min. Mathematik & Logik

Mengenlehre — Die Sprache der Mathematik

Lernziele

  • verstehen, was eine Menge ist und wie man sie notiert
  • Element-Relation und Teilmengen-Relation unterscheiden
  • Schnitt, Vereinigung und Komplement berechnen
  • Venn-Diagramme lesen und zeichnen
  • die leere Menge und die Potenzmenge erklären

Einführung

Die Mengenlehre ist das Fundament der modernen Mathematik. Bevor man über Zahlen, Funktionen oder Wahrscheinlichkeiten sprechen kann, braucht man eine präzise Sprache — und genau das liefert die Mengenlehre. Georg Cantor entwickelte sie Ende des 19. Jahrhunderts, und heute steckt sie hinter Datenbankabfragen, Logik, Informatik und der Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Grundidee

Eine Menge ist eine Zusammenfassung von bestimmten, wohlunterschiedenen Objekten zu einem Ganzen. Die Objekte heißen Elemente der Menge. Wichtig: Es kommt nur darauf an, ob ein Objekt in der Menge ist oder nicht — nicht wie oft und nicht in welcher Reihenfolge.

Mengen schreibt man mit geschweiften Klammern. Die Menge der geraden Zahlen von 2 bis 8: {2,4,6,8}\{2, 4, 6, 8\}.

Erklärung

Notation und Schreibweisen

Mengen können auf verschiedene Weisen beschrieben werden:

Aufzählung: A={1,2,3,4,5}A = \{1, 2, 3, 4, 5\}

Beschreibende Notation: A={xxN, x5}A = \{x \mid x \in \mathbb{N},\ x \leq 5\} (lies: „alle xx, für die gilt: xx ist eine natürliche Zahl und x5x \leq 5”)

Wichtige Zahlenmengen:

SymbolBedeutungBeispiele
N\mathbb{N}Natürliche Zahlen0,1,2,3,0, 1, 2, 3, \ldots
Z\mathbb{Z}Ganze Zahlen,2,1,0,1,2,\ldots, -2, -1, 0, 1, 2, \ldots
Q\mathbb{Q}Rationale Zahlen12,3,0,75,\frac{1}{2}, -3, 0{,}75, \ldots
R\mathbb{R}Reelle Zahlenπ,2,1,5,\pi, \sqrt{2}, 1{,}5, \ldots

Es gilt: NZQR\mathbb{N} \subset \mathbb{Z} \subset \mathbb{Q} \subset \mathbb{R}.

Element-Relation

Ob ein Objekt xx zur Menge AA gehört, schreibt man:

xA(x ist Element von A)x \in A \quad \text{(x ist Element von A)} xA(x ist kein Element von A)x \notin A \quad \text{(x ist kein Element von A)}

Beispiel: Für A={2,4,6}A = \{2, 4, 6\} gilt: 4A4 \in A, aber 5A5 \notin A.

Kardinalzahl

Die Kardinalzahl (oder Mächtigkeit) A|A| gibt an, wie viele Elemente eine Menge hat.

A={2,4,6}=3|A| = |\{2, 4, 6\}| = 3

Teilmengen

AA ist eine Teilmenge von BB (geschrieben ABA \subseteq B), wenn jedes Element von AA auch in BB enthalten ist:

AB    x:xAxBA \subseteq B \iff \forall x: x \in A \Rightarrow x \in B

AA ist eine echte Teilmenge (ABA \subsetneq B), wenn zusätzlich ABA \neq B gilt.

Beispiel: {2,4}{1,2,3,4,5}\{2, 4\} \subseteq \{1, 2, 3, 4, 5\}, aber {2,7}⊈{1,2,3,4,5}\{2, 7\} \not\subseteq \{1, 2, 3, 4, 5\}.

Schnittmenge

Die Schnittmenge ABA \cap B enthält alle Elemente, die gleichzeitig in AA und in BB sind:

AB={xxA und xB}A \cap B = \{x \mid x \in A \text{ und } x \in B\}

Beispiel: {1,2,3,4}{3,4,5,6}={3,4}\{1, 2, 3, 4\} \cap \{3, 4, 5, 6\} = \{3, 4\}

Vereinigungsmenge

Die Vereinigungsmenge ABA \cup B enthält alle Elemente, die in AA oder in BB (oder in beiden) sind:

AB={xxA oder xB}A \cup B = \{x \mid x \in A \text{ oder } x \in B\}

Beispiel: {1,2,3}{3,4,5}={1,2,3,4,5}\{1, 2, 3\} \cup \{3, 4, 5\} = \{1, 2, 3, 4, 5\}

Komplement

Das Komplement A\overline{A} (oder AcA^c) enthält alle Elemente des Grundraums Ω\Omega, die nicht in AA sind:

A={xΩxA}\overline{A} = \{x \in \Omega \mid x \notin A\}

Beispiel: Grundraum Ω={1,2,3,4,5,6}\Omega = \{1, 2, 3, 4, 5, 6\}, A={1,2,3}A = \{1, 2, 3\}, dann A={4,5,6}\overline{A} = \{4, 5, 6\}.

Leere Menge

Die leere Menge ={}\emptyset = \{\} enthält kein Element. Sie ist Teilmenge jeder Menge: A\emptyset \subseteq A für alle AA.

Wenn AB=A \cap B = \emptyset, nennt man AA und BB disjunkt (überschneidungsfrei).

Venn-Diagramme

Venn-Diagramme visualisieren Mengenoperationen durch Kreise in einem Rechteck (= Grundraum):

  Grundraum Ω
 ┌─────────────────────┐
 │   ┌───┐   ┌───┐     │
 │   │ A │ ∩ │ B │     │
 │   │   │███│   │     │
 │   └───┘   └───┘     │
 └─────────────────────┘
    A∪B: alles in A oder B
    A∩B: ███ (Überlappung)

Potenzmenge

Die Potenzmenge P(A)\mathcal{P}(A) enthält alle Teilmengen von AA (einschließlich \emptyset und AA selbst):

P({1,2})={, {1}, {2}, {1,2}}\mathcal{P}(\{1, 2\}) = \{\emptyset,\ \{1\},\ \{2\},\ \{1, 2\}\}

Hat AA genau nn Elemente, so hat P(A)\mathcal{P}(A) genau 2n2^n Elemente.

Merke dir

Schnitt \cap bedeutet „und” (beide Bedingungen erfüllt), Vereinigung \cup bedeutet „oder” (mindestens eine Bedingung erfüllt). Diese Grundlogik steckt in jeder Datenbankabfrage und jedem Wahrscheinlichkeitsraum.

Beispiel aus dem Alltag

Datenbankabfragen: Ein Onlineshop speichert Kunden in verschiedenen Kategorien. K_Neu = alle Neukunden, K_Prem = alle Premium-Kunden. Die Abfrage „alle Premium-Neukunden” entspricht KNeuKPremK_{Neu} \cap K_{Prem}, die Abfrage „alle Kunden, die Neu- oder Premium-Kunde sind” entspricht KNeuKPremK_{Neu} \cup K_{Prem}. SQL-Operatoren wie INTERSECT, UNION und EXCEPT sind direkte Umsetzungen der Mengenlehre.

Wahrscheinlichkeit: Beim Würfeln ist Ω={1,2,3,4,5,6}\Omega = \{1, 2, 3, 4, 5, 6\}. Das Ereignis „gerade Zahl” ist G={2,4,6}G = \{2, 4, 6\}, „Zahl größer 4” ist H={5,6}H = \{5, 6\}. Die Wahrscheinlichkeit von GH={2,4,5,6}G \cup H = \{2, 4, 5, 6\} berechnet man über die Vereinigung.

Anwendung

Aufgabe: Sei Ω={1,2,3,4,5,6,7,8}\Omega = \{1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8\}, A={1,2,3,4}A = \{1, 2, 3, 4\}, B={3,4,5,6}B = \{3, 4, 5, 6\}.

Bestimme: (a) ABA \cap B, (b) ABA \cup B, (c) A\overline{A}, (d) AB|A \cup B|, (e) P({5,6})\mathcal{P}(\{5, 6\}).

Lösung:

  • (a) AB={3,4}A \cap B = \{3, 4\}
  • (b) AB={1,2,3,4,5,6}A \cup B = \{1, 2, 3, 4, 5, 6\}
  • (c) A={5,6,7,8}\overline{A} = \{5, 6, 7, 8\}
  • (d) AB=6|A \cup B| = 6
  • (e) P({5,6})={,{5},{6},{5,6}}\mathcal{P}(\{5, 6\}) = \{\emptyset, \{5\}, \{6\}, \{5, 6\}\}, also 22=42^2 = 4 Elemente

Typische Fehler

Verwechslung von \in und \subseteq: Das Symbol \in beschreibt die Beziehung zwischen einem Element und einer Menge (3{1,2,3}3 \in \{1, 2, 3\}). Das Symbol \subseteq beschreibt die Beziehung zwischen zwei Mengen ({1,2}{1,2,3}\{1, 2\} \subseteq \{1, 2, 3\}). Man schreibt nie 3{1,2,3}3 \subseteq \{1, 2, 3\}.

Häufiger Irrtum

Leere Menge vergessen: Die Potenzmenge von {a}\{a\} hat 2 Elemente: {,{a}}\{\emptyset, \{a\}\} — nicht nur {{a}}\{\{a\}\}. Die leere Menge ist immer dabei.

Elemente doppelt zählen: {1,2,3}{2,3,4}={1,2,3,4}\{1, 2, 3\} \cup \{2, 3, 4\} = \{1, 2, 3, 4\}, nicht {1,2,2,3,3,4}\{1, 2, 2, 3, 3, 4\}. Jedes Element kommt in einer Menge nur einmal vor.

Zusammenfassung

Merke dir:

  • Eine Menge ist eine Sammlung eindeutiger Objekte in geschweiften Klammern
  • xAx \in A (Element), ABA \subseteq B (Teilmenge) — nicht verwechseln
  • ABA \cap B: Schnitt — nur gemeinsame Elemente (logisches „und”)
  • ABA \cup B: Vereinigung — alle Elemente aus beiden (logisches „oder”)
  • A\overline{A}: Komplement — alles im Grundraum außer AA
  • Potenzmenge von nn-elementiger Menge hat 2n2^n Teilmengen
  • Die leere Menge \emptyset ist Teilmenge jeder Menge

Quiz

Frage 1: Sei A={a,b,c,d}A = \{a, b, c, d\} und B={c,d,e,f}B = \{c, d, e, f\}. Was ist ABA \cap B und ABA \cup B?

Frage 2: Wie viele Elemente hat die Potenzmenge von {1,2,3}\{1, 2, 3\}?

Frage 3: Gilt {2,4}{1,2,3,4,5}\{2, 4\} \subseteq \{1, 2, 3, 4, 5\}? Und gilt {2,7}{1,2,3,4,5}\{2, 7\} \subseteq \{1, 2, 3, 4, 5\}? Begründe.

Frage 4: Bei einem Wurf mit einem normalen Würfel (Ω={1,2,3,4,5,6}\Omega = \{1,2,3,4,5,6\}) sei G={2,4,6}G = \{2,4,6\} (gerade) und P={2,3,5}P = \{2,3,5\} (prim). Was ist GPG \cap P und was bedeutet GP\overline{G \cap P}?

Schlüsselwörter

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