Fortgeschritten ~18 Min. Mathematik & Logik

Komplexe Zahlen — Wenn x² = −1 eine Lösung hat

Lernziele

  • verstehen, warum komplexe Zahlen eingeführt werden
  • mit komplexen Zahlen in der Form a+bi rechnen
  • die Gauß'sche Zahlenebene interpretieren
  • Betrag und konjugiert komplexe Zahl bestimmen

Vorwissen empfohlen

Einführung

Was passiert, wenn man die Gleichung x2=1x^2 = -1 lösen möchte? Jede reelle Zahl, quadriert, ergibt eine nicht-negative Zahl — also gibt es keine reelle Lösung. Für Jahrhunderte hielten Mathematiker solche Gleichungen schlicht für unlösbar.

Dann kam die Idee: Was, wenn man einfach eine neue Zahl erfindet, die x2=1x^2 = -1 löst? Das klingt wie ein Trick — ist aber eine der fruchtbarsten Ideen der Mathematikgeschichte. Komplexe Zahlen sind heute unverzichtbar in der Elektrotechnik, Quantenmechanik und Signalverarbeitung.

Grundidee

Ähnlich wie man die negativen Zahlen „erfunden” hat, weil x+5=3x + 5 = 3 keine natürliche Lösung hat, erfindet man eine neue Zahl ii mit der Eigenschaft i2=1i^2 = -1.

Dann kann man neue Zahlen der Form a+bia + bi bilden, wobei aa und bb reelle Zahlen sind. Diese heißen komplexe Zahlen — und mit ihnen hat jede quadratische Gleichung genau zwei Lösungen (die möglicherweise gleich sind).

Erklärung

Die imaginäre Einheit

i2=1alsoi=1i^2 = -1 \qquad \text{also} \qquad i = \sqrt{-1}

ii heißt imaginäre Einheit. Höhere Potenzen von ii wiederholen sich in einem 4er-Zyklus:

PotenzWert
i1i^1ii
i2i^21-1
i3i^3i-i
i4i^411
i5i^5ii
\vdots\vdots

Der Zyklus beginnt immer wieder von vorne. Um i37i^{37} zu berechnen: 37=49+137 = 4 \cdot 9 + 1, also i37=i1=ii^{37} = i^1 = i.

Komplexe Zahlen

Eine komplexe Zahl zz hat die Form:

z=a+biz = a + bi

  • a=Re(z)a = \mathrm{Re}(z) heißt Realteil (der „normale” Anteil)
  • b=Im(z)b = \mathrm{Im}(z) heißt Imaginärteil (der Koeffizient von ii)

Beide aa und bb sind reelle Zahlen. Die Menge aller komplexen Zahlen heißt C\mathbb{C}.

Beispiele:

  • z1=3+2iz_1 = 3 + 2i: Realteil 3, Imaginärteil 2
  • z2=15iz_2 = -1 - 5i: Realteil 1-1, Imaginärteil 5-5
  • z3=4z_3 = 4 (also 4+0i4 + 0i): rein reelle Zahl — jede reelle Zahl ist auch komplex
  • z4=3iz_4 = 3i (also 0+3i0 + 3i): rein imaginäre Zahl

Die Gauß’sche Zahlenebene

Reelle Zahlen liegen auf einer Zahlengeraden. Komplexe Zahlen brauchen eine Ebene: Die x-Achse trägt den Realteil, die y-Achse den Imaginärteil.

  Im

3i ─ ·  z = 2 + 3i
2i ─
 i ─

───┼────────── Re
   │  1  2  3
-i ─

Jede komplexe Zahl entspricht einem Punkt in dieser Ebene. Die Darstellung heißt Gauß’sche Zahlenebene oder komplexe Zahlenebene.

Rechnen mit komplexen Zahlen

Addition und Subtraktion — Real- und Imaginärteile getrennt addieren:

(a+bi)+(c+di)=(a+c)+(b+d)i(a + bi) + (c + di) = (a+c) + (b+d)i

Beispiel: (3+2i)+(15i)=(3+1)+(25)i=43i(3 + 2i) + (1 - 5i) = (3+1) + (2-5)i = 4 - 3i

Multiplikation — ausmultiplizieren (FOIL) und i2=1i^2 = -1 ersetzen:

(a+bi)(c+di)=ac+adi+bci+bdi2=ac+adi+bcibd(a + bi)(c + di) = ac + adi + bci + bdi^2 = ac + adi + bci - bd =(acbd)+(ad+bc)i= (ac - bd) + (ad + bc)i

Beispiel: (2+3i)(1+4i)=2+8i+3i+12i2=2+11i+12(1)=10+11i(2 + 3i)(1 + 4i) = 2 + 8i + 3i + 12i^2 = 2 + 11i + 12(-1) = -10 + 11i

Konjugiert komplexe Zahl

Die konjugiert komplexe Zahl zˉ\bar{z} entsteht durch Vorzeichenwechsel des Imaginärteils:

z=a+bizˉ=abiz = a + bi \qquad \Rightarrow \qquad \bar{z} = a - bi

Geometrisch: zˉ\bar{z} ist die Spiegelung von zz an der reellen Achse.

Wichtige Eigenschaft: zzˉ=(a+bi)(abi)=a2(bi)2=a2+b2Rz \cdot \bar{z} = (a+bi)(a-bi) = a^2 - (bi)^2 = a^2 + b^2 \in \mathbb{R}

Das Produkt einer komplexen Zahl mit ihrer Konjugierten ist immer reell. Das nutzt man, um Brüche mit komplexem Nenner zu vereinfachen (Erweiterung mit dem Konjugierten).

Betrag

Der Betrag z|z| einer komplexen Zahl ist der Abstand vom Ursprung in der Gauß’schen Ebene:

z=a+bi=a2+b2|z| = |a + bi| = \sqrt{a^2 + b^2}

Das ist nichts anderes als der Satz des Pythagoras in der komplexen Ebene.

Beispiel: 3+4i=32+42=9+16=25=5|3 + 4i| = \sqrt{3^2 + 4^2} = \sqrt{9 + 16} = \sqrt{25} = 5

Merke dir

Komplexe Zahlen sind kein Widerspruch zur Mathematik, sondern eine Erweiterung: NZQRC\mathbb{N} \subset \mathbb{Z} \subset \mathbb{Q} \subset \mathbb{R} \subset \mathbb{C}. Jede reelle Zahl ist eine komplexe Zahl (mit Imaginärteil 0).

Quadratische Gleichungen mit negativer Diskriminante

Für x2+4=0x^2 + 4 = 0 gilt: x2=4x^2 = -4, also x=±4=±4(1)=±2ix = \pm\sqrt{-4} = \pm\sqrt{4 \cdot (-1)} = \pm 2i.

Allgemein: Ist die Diskriminante D=b24ac<0D = b^2 - 4ac < 0, so hat die quadratische Gleichung zwei konjugiert komplexe Lösungen:

x1,2=b±D2a=b±iD2ax_{1,2} = \frac{-b \pm \sqrt{D}}{2a} = \frac{-b \pm i\sqrt{|D|}}{2a}

Beispiel aus dem Alltag

Wechselstrom in der Elektrotechnik: In der Elektrotechnik beschreiben komplexe Zahlen Wechselstromgrößen. Spannung und Strom schwingen — ihre Amplitude und Phasenverschiebung lassen sich elegant als komplexe Zahl (Phasor) darstellen.

Ein Kondensator hat den komplexen Widerstand (Impedanz): ZC=1iωC=iωCZ_C = \frac{1}{i\omega C} = -\frac{i}{\omega C}

wobei ω\omega die Kreisfrequenz und CC die Kapazität sind. Die imaginäre Einheit drückt dabei die Phasenverschiebung von 90° zwischen Strom und Spannung aus.

Ohne komplexe Zahlen würde die Berechnung von Wechselstromschaltungen sehr aufwändig werden.

Anwendung

Aufgabe: Berechne (1+2i)2(1 + 2i)^2 und gib Realteil, Imaginärteil und Betrag des Ergebnisses an.

(1+2i)2=1+2i+2i+4i2=1+4i+4(1)=1+4i4=3+4i(1 + 2i)^2 = 1 + 2i + 2i + 4i^2 = 1 + 4i + 4(-1) = 1 + 4i - 4 = -3 + 4i

  • Realteil: 3-3
  • Imaginärteil: 44
  • Betrag: 3+4i=(3)2+42=9+16=25=5|-3 + 4i| = \sqrt{(-3)^2 + 4^2} = \sqrt{9 + 16} = \sqrt{25} = 5

Typische Fehler

4=2\sqrt{-4} = -2 — Das ist falsch. (2)2=4(-2)^2 = 4, nicht 4-4. Die Wurzel aus einer negativen Zahl ergibt eine imaginäre Zahl: 4=2i\sqrt{-4} = 2i.

Häufiger Irrtum

„i² = 1”ii ist nicht 1, sondern 1\sqrt{-1}. Deshalb ist i2=1i^2 = -1, nicht +1+1. Dieser Fehler führt zu falschen Ergebnissen bei der Multiplikation.

„Realteil und Imaginärteil addieren.” 3+2i3 + 2i kann nicht zu 55 vereinfacht werden — 33 und 2i2i sind verschiedenartige Größen, genauso wie Äpfel und Birnen.

Zusammenfassung

Merke dir:

  • i2=1i^2 = -1 — das ist die Definition der imaginären Einheit
  • Komplexe Zahl: z=a+biz = a + bi mit Realteil aa und Imaginärteil bb
  • Gauß’sche Zahlenebene: x-Achse = reell, y-Achse = imaginär
  • Addition: Real- und Imaginärteile getrennt; Multiplikation: FOIL mit i2=1i^2 = -1 ersetzen
  • Konjugiert: zˉ=abi\bar{z} = a - bi; Betrag: z=a2+b2|z| = \sqrt{a^2 + b^2}
  • Quadratische Gleichungen mit negativer Diskriminante haben zwei konjugiert komplexe Lösungen

Quiz

Frage 1: Berechne (3i)(3+i)(3 - i)(3 + i).

Frage 2: Welchen Betrag hat z=5+12iz = -5 + 12i?

Frage 3: Löse x2+6x+13=0x^2 + 6x + 13 = 0 in C\mathbb{C}.

Frage 4: Was ist i23i^{23}?

Schlüsselwörter

imaginäre-einheitkomplexe-zahlrealteilimaginärteilgaußsche-zahlenebenekonjugiert-komplexbetrag