Kapitel 1 von 8

Fortgeschritten · ~25 Min.

Extremwertaufgaben

Lernziele

  • Haupt- und Nebenbedingung aus einem Sachkontext aufstellen
  • die Zielfunktion durch Einsetzen der Nebenbedingung gewinnen
  • die Zielfunktion optimieren und das Ergebnis im Sachkontext interpretieren
  • Randwerte überprüfen

Vorwissen empfohlen: Kurvendiskussion

Einführung

Extremwertaufgaben sind die Königsklasse der Analysis: Du wendest alles an, was du über Ableitungen und Kurvendiskussion gelernt hast, um ein reales Optimierungsproblem zu lösen. „Welche Maße maximieren das Volumen?”, „Welcher Preis bringt den höchsten Gewinn?”, „Welche Form verbraucht am wenigsten Material?” — solche Fragen sind ein Klassiker im Abitur und zeigen, wozu Analysis in der Praxis gut ist.

Grundidee

Stell dir vor, du hast ein Stück Pappe (z. B. 20 cm mal 30 cm) und willst daraus eine offene Schachtel falten, indem du an jeder Ecke ein Quadrat ausschneidest und die Seiten hochklappst. Je größer die Quadrate, desto höher wird die Schachtel — aber desto kleiner wird der Boden. Je kleiner die Quadrate, desto flacher die Schachtel, aber der Boden ist größer.

Es gibt einen Sweet Spot — eine bestimmte Quadratgröße, bei der das Volumen der Schachtel maximal wird. Genau diesen Sweet Spot zu finden, ist das Ziel einer Extremwertaufgabe.

Das Vorgehen folgt immer dem gleichen Schema:

  1. Was soll optimiert werden? → Hauptbedingung (z. B. Volumen maximieren)
  2. Welche Einschränkung gibt es? → Nebenbedingung (z. B. feste Papiergröße)
  3. Alles in eine Variable umschreiben → Zielfunktion
  4. Ableiten, Nullstellen finden, Maximum/Minimum bestimmen

Erklärung

Das 4-Schritte-Schema

Merke Vorgehen bei Extremwertaufgaben

Schritt 1 – Hauptbedingung (HB): Stelle die Formel für die Größe auf, die optimiert werden soll (Fläche, Volumen, Gewinn, Kosten, …).

Schritt 2 – Nebenbedingung (NB): Formuliere die Einschränkung als Gleichung. Löse sie nach einer Variablen auf.

Schritt 3 – Zielfunktion: Setze die NB in die HB ein, sodass nur noch eine Variable übrig bleibt.

Schritt 4 – Optimieren: Leite die Zielfunktion ab, setze f′(x)=0f'(x) = 0, prüfe mit f′′f'' oder VZW, ob Maximum oder Minimum vorliegt.

Ausführliches Beispiel: Die offene Schachtel

Aus einem Stück Pappe (20 cm×30 cm20\,\text{cm} \times 30\,\text{cm}) werden an den Ecken Quadrate der Seitenlänge xx ausgeschnitten und die Ränder hochgeklappt.

Zu kleine Ecken ergeben eine flache, zu große eine schmale Schachtel; dazwischen liegt das Maximum bei x ≈ 3,92 cm.

Schritt 1 – Hauptbedingung:

V=La¨nge⋅Breite⋅Ho¨he=(30−2x)(20−2x)⋅xV = \text{Länge} \cdot \text{Breite} \cdot \text{Höhe} = (30 - 2x)(20 - 2x) \cdot x

Schritt 2 – Nebenbedingung:

Die Nebenbedingung steckt hier bereits in der Geometrie: Die Papiergröße ist fest. Die Variable xx muss im Bereich 0<x<100 < x < 10 liegen (sonst wäre die Breite negativ oder Null).

Schritt 3 – Zielfunktion:

V(x)=x(30−2x)(20−2x)=x(600−100x+4x2)=4x3−100x2+600xV(x) = x(30 - 2x)(20 - 2x) = x(600 - 100x + 4x^2) = 4x^3 - 100x^2 + 600x

Schritt 4 – Optimieren:

V′(x)=12x2−200x+600V'(x) = 12x^2 - 200x + 600

V′(x)=0⇒12x2−200x+600=0⇒3x2−50x+150=0V'(x) = 0 \quad \Rightarrow \quad 12x^2 - 200x + 600 = 0 \quad \Rightarrow \quad 3x^2 - 50x + 150 = 0

x=50±2500−18006=50±7006=50±1076x = \frac{50 \pm \sqrt{2500 - 1800}}{6} = \frac{50 \pm \sqrt{700}}{6} = \frac{50 \pm 10\sqrt{7}}{6}

x1=50−1076≈3,92x2=50+1076≈12,75x_1 = \frac{50 - 10\sqrt{7}}{6} \approx 3{,}92 \qquad x_2 = \frac{50 + 10\sqrt{7}}{6} \approx 12{,}75

Da x<10x < 10 sein muss, kommt nur x1≈3,92x_1 \approx 3{,}92 in Frage.

V′′(x)=24x−200V′′(3,92)≈−106<0⇒MaximumV''(x) = 24x - 200 \qquad V''(3{,}92) \approx -106 < 0 \quad \Rightarrow \quad \text{Maximum}

V(3,92)≈4⋅60,2−100⋅15,4+600⋅3,92≈1056,3 cm3V(3{,}92) \approx 4 \cdot 60{,}2 - 100 \cdot 15{,}4 + 600 \cdot 3{,}92 \approx 1056{,}3\,\text{cm}^3

Randwerte nicht vergessen!

Prüfe immer die Ränder des Definitionsbereichs. Hier: V(0)=0V(0) = 0 und V(10)=0V(10) = 0. Das Maximum liegt also tatsächlich bei x≈3,92x \approx 3{,}92.

Beispiel mit expliziter Nebenbedingung

Aufgabe: Ein Bauer möchte mit 120 m Zaun eine rechteckige Weide an einer Hauswand einzäunen. Die Hauswand bildet eine Seite, sodass nur drei Seiten Zaun benötigen. Welche Maße maximieren die Fläche?

Schritt 1 – HB: A=a⋅bA = a \cdot b (Fläche maximieren)

Schritt 2 – NB: a+2b=120a + 2b = 120 (120 m Zaun für drei Seiten). Auflösen: a=120−2ba = 120 - 2b

Schritt 3 – Zielfunktion: A(b)=(120−2b)⋅b=120b−2b2A(b) = (120 - 2b) \cdot b = 120b - 2b^2

Schritt 4 – Optimieren:

A′(b)=120−4b=0⇒b=30A'(b) = 120 - 4b = 0 \quad \Rightarrow \quad b = 30

A′′(b)=−4<0⇒MaximumA''(b) = -4 < 0 \quad \Rightarrow \quad \text{Maximum}

a=120−2⋅30=60a = 120 - 2 \cdot 30 = 60

Die Weide hat die Maße 60 m×30 m60\,\text{m} \times 30\,\text{m} mit einer Fläche von 1800 m21800\,\text{m}^2.

Beispiel aus dem Alltag

Dosendesign:

Ein Hersteller will Konservendosen mit einem Volumen von 500 cm3500\,\text{cm}^3 produzieren und dabei möglichst wenig Blech verwenden.

Eine zylindrische Dose hat Radius rr und Höhe hh.

HB: Oberfläche minimieren: O=2πr2+2πrhO = 2\pi r^2 + 2\pi r h

NB: Volumen ist fest: V=πr2h=500V = \pi r^2 h = 500 → h=500πr2h = \frac{500}{\pi r^2}

Zielfunktion:

O(r)=2πr2+2πr⋅500πr2=2πr2+1000rO(r) = 2\pi r^2 + 2\pi r \cdot \frac{500}{\pi r^2} = 2\pi r^2 + \frac{1000}{r}

O′(r)=4πr−1000r2=0O'(r) = 4\pi r - \frac{1000}{r^2} = 0

4πr3=1000⇒r=10004π3=250π3≈4,30 cm4\pi r^3 = 1000 \quad \Rightarrow \quad r = \sqrt[3]{\frac{1000}{4\pi}} = \sqrt[3]{\frac{250}{\pi}} \approx 4{,}30\,\text{cm}

h=500π⋅4,302≈8,60 cmh = \frac{500}{\pi \cdot 4{,}30^2} \approx 8{,}60\,\text{cm}

Die optimale Dose hat h=2rh = 2r — sie ist also genauso hoch wie breit.

Anwendung

Aufgabe 1: Ein Draht der Länge 40 cm40\,\text{cm} wird zu einem Rechteck gebogen. Welche Seitenlängen maximieren die Fläche?

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Umfang = 2a+2b=402a + 2b = 40, also b=20−ab = 20 - a. Die Flächenfunktion A(a)=a(20−a)A(a) = a(20 - a) hat genau ein Maximum.

Lösung:

NB: 2a+2b=402a + 2b = 40 → b=20−ab = 20 - a

Zielfunktion: A(a)=a(20−a)=20a−a2A(a) = a(20 - a) = 20a - a^2

A′(a)=20−2a=0A'(a) = 20 - 2a = 0 → a=10a = 10, also b=10b = 10.

Das Quadrat mit Seitenlänge 10 cm10\,\text{cm} hat die maximale Fläche 100 cm2100\,\text{cm}^2.

Aufgabe 2: Einem Kreis mit Radius r=6r = 6 wird ein Rechteck mit größter Fläche einbeschrieben. Bestimme die Seitenlängen.

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Lege den Kreis in den Ursprung. Ein Eckpunkt des Rechtecks liegt bei (x,y)(x, y) mit x2+y2=36x^2 + y^2 = 36. Die Seitenlängen sind 2x2x und 2y2y.

Lösung:

HB: A=2x⋅2y=4xyA = 2x \cdot 2y = 4xy

NB: x2+y2=36x^2 + y^2 = 36 → y=36−x2y = \sqrt{36 - x^2}

Zielfunktion: A(x)=4x36−x2A(x) = 4x\sqrt{36 - x^2} für 0<x<60 < x < 6

Einfacher: Maximiere A2(x)=16x2(36−x2)=576x2−16x4A^2(x) = 16x^2(36 - x^2) = 576x^2 - 16x^4

(A2)′(x)=1152x−64x3=0(A^2)'(x) = 1152x - 64x^3 = 0 → x2=18x^2 = 18 → x=32x = 3\sqrt{2}

y=36−18=32y = \sqrt{36 - 18} = 3\sqrt{2}

Die Seitenlängen sind 2x=2y=62≈8,492x = 2y = 6\sqrt{2} \approx 8{,}49 — ein Quadrat.

Typische Fehler

Häufiger Irrtum

Irrtum: „Ich setze f′(x)=0f'(x) = 0 und bin fertig.”

Richtig ist: Du musst prüfen, ob es sich um ein Maximum oder Minimum handelt (VZW oder f′′f''). Außerdem musst du die Randwerte überprüfen — das globale Maximum kann auch am Rand des Definitionsbereichs liegen.

Häufiger Irrtum

Irrtum: „Die Nebenbedingung kann ich ignorieren.”

Richtig ist: Ohne Nebenbedingung hat die Hauptbedingung oft kein endliches Maximum (z. B. wird die Fläche eines Rechtecks beliebig groß, wenn es keine Einschränkung gibt). Die NB ist entscheidend!

Häufiger Irrtum

Irrtum: „Es gibt immer genau einen Extrempunkt.”

Richtig ist: Die Zielfunktion kann mehrere Extremstellen haben. Du musst alle Kandidaten vergleichen und auch die Randwerte einbeziehen, um das globale Maximum bzw. Minimum zu finden.

Definitionsbereich beachten!

Bei Extremwertaufgaben hat die Variable immer einen eingeschränkten Definitionsbereich (z. B. 0<x<100 < x < 10). Achte darauf, dass deine Lösung in diesem Bereich liegt, und prüfe die Funktionswerte an den Rändern.

Zusammenfassung

  • Extremwertaufgaben folgen dem 4-Schritte-Schema: Hauptbedingung, Nebenbedingung, Zielfunktion, Optimierung.
  • Die Hauptbedingung beschreibt, was optimiert werden soll.
  • Die Nebenbedingung liefert eine Einschränkung, die eine Variable eliminiert.
  • Die Zielfunktion hängt nur noch von einer Variablen ab und wird mit f′(x)=0f'(x) = 0 optimiert.
  • Randwerte müssen immer geprüft werden — das globale Optimum kann am Rand liegen.
  • Die Lösung muss im Sachkontext interpretiert werden.

Quiz

Frage 1: Was ist der Unterschied zwischen Hauptbedingung und Nebenbedingung?

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Die Hauptbedingung beschreibt die Größe, die optimiert werden soll (z. B. Fläche, Volumen). Die Nebenbedingung ist eine Einschränkung (z. B. fester Umfang, festes Material), die es erlaubt, eine Variable zu eliminieren.

Frage 2: Warum muss die Zielfunktion nur von einer Variablen abhängen?

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Weil wir zum Optimieren die Ableitung bilden und f′(x)=0f'(x) = 0 setzen. Das funktioniert nur mit einer Variablen. Die Nebenbedingung dient dazu, die zweite Variable durch die erste auszudrücken.

Frage 3: Ein Rechteck hat den Umfang U=24U = 24. Welche Seitenlängen maximieren die Fläche?

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NB: 2a+2b=242a + 2b = 24 → b=12−ab = 12 - a. Zielfunktion: A(a)=a(12−a)A(a) = a(12 - a). A′(a)=12−2a=0A'(a) = 12 - 2a = 0 → a=6a = 6, b=6b = 6. Maximale Fläche: 3636. Das Quadrat ist optimal.

Frage 4: Warum muss man bei Extremwertaufgaben die Randwerte prüfen?

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Weil die Ableitung nur lokale Extremstellen findet. Das globale Maximum oder Minimum kann aber auch am Rand des Definitionsbereichs liegen, wo die Ableitung nicht Null sein muss. Beispiel: Auf [0;10][0; 10] kann f(0)f(0) oder f(10)f(10) größer sein als der lokale Hochpunkt.

Aufgaben mit Lösungsweg

Schlüsselwörter

  • hauptbedingung
  • nebenbedingung
  • zielfunktion
  • optimierung
  • randwerte