Kapitel 1 von 8

Fortgeschritten · ~25 Min.

Kurvendiskussion

Lernziele

  • Nullstellen ganzrationaler Funktionen bestimmen
  • Extremstellen über notwendige und hinreichende Bedingung finden
  • Wendepunkte über die zweite Ableitung bestimmen
  • Monotonie, Symmetrie und Verhalten im Unendlichen analysieren

Vorwissen empfohlen: Ableitungsregeln

Einführung

Die Kurvendiskussion ist das Herzstück der Analysis im Abitur. Du untersuchst eine Funktion systematisch auf alle wichtigen Eigenschaften — Nullstellen, Extrempunkte, Wendepunkte, Monotonie und mehr — und zeichnest daraus ein vollständiges Bild des Graphen. Fast jede Abi-Klausur enthält eine Kurvendiskussion, und die Methoden tauchen auch in Sachzusammenhängen (Optimierung, Modellierung) immer wieder auf.

Grundidee

Stell dir vor, du wanderst über ein Gebirge und siehst nur den Boden unter deinen Füßen — du hast keine Karte. Trotzdem kannst du einiges herausfinden:

  • Wo bin ich auf Meereshöhe? → Das sind die Nullstellen.
  • Geht es bergauf oder bergab? → Das ist die Monotonie (Vorzeichen von f′f').
  • Bin ich auf einem Gipfel oder in einem Tal? → Das sind die Extrempunkte (f′=0f' = 0 mit Vorzeichenwechsel).
  • Wo ändert sich die Neigung am stärksten? → Das sind die Wendepunkte (die Krümmung wechselt).

Die Kurvendiskussion ist wie das Erstellen einer Wanderkarte, ohne das Gebirge von oben gesehen zu haben. Du nützt nur lokale Information (Steigung, Krümmung), um das globale Bild zu rekonstruieren.

Erklärung

Schritt 1: Definitionsbereich

Bestimme, für welche xx-Werte die Funktion definiert ist. Bei ganzrationalen Funktionen (Polynomen) ist der Definitionsbereich immer R\mathbb{R}.

Schritt 2: Symmetrie

Achsensymmetrie zur yy-Achse: f(−x)=f(x)f(-x) = f(x) (nur gerade Exponenten)

Punktsymmetrie zum Ursprung: f(−x)=−f(x)f(-x) = -f(x) (nur ungerade Exponenten)

Beispiel: f(x)=x4−2x2f(x) = x^4 - 2x^2 hat nur gerade Exponenten → achsensymmetrisch zur yy-Achse.

Schritt 3: Verhalten im Unendlichen

Für große ∣x∣|x| bestimmt der Term mit dem höchsten Exponenten das Verhalten:

Bei f(x)=anxn+…f(x) = a_n x^n + \ldots

  • nn gerade, an>0a_n > 0: f(x)→+∞f(x) \to +\infty für x→±∞x \to \pm\infty
  • nn gerade, an<0a_n < 0: f(x)→−∞f(x) \to -\infty für x→±∞x \to \pm\infty
  • nn ungerade, an>0a_n > 0: f(x)→−∞f(x) \to -\infty für x→−∞x \to -\infty und f(x)→+∞f(x) \to +\infty für x→+∞x \to +\infty
  • nn ungerade, an<0a_n < 0: umgekehrt

Schritt 4: Nullstellen

Setze f(x)=0f(x) = 0 und löse nach xx.

Methoden:

  • Ausklammern: f(x)=x3−4x=x(x2−4)=x(x−2)(x+2)f(x) = x^3 - 4x = x(x^2 - 4) = x(x-2)(x+2) → Nullstellen: x1=0x_1 = 0, x2=2x_2 = 2, x3=−2x_3 = -2
  • Substitution: Bei biquadratischen Funktionen wie f(x)=x4−5x2+4f(x) = x^4 - 5x^2 + 4 setze z=x2z = x^2
  • Polynomdivision: Wenn eine Nullstelle x0x_0 bekannt ist, teile durch (x−x0)(x - x_0)

Schritt 5: Extremstellen

Merke Extremstellen bestimmen

Notwendige Bedingung: f′(x0)=0f'(x_0) = 0 (waagerechte Tangente)

Hinreichende Bedingung (VZW-Kriterium):

  • f′f' wechselt von ++ nach −- → Hochpunkt (Maximum)
  • f′f' wechselt von −- nach ++ → Tiefpunkt (Minimum)
  • Kein Vorzeichenwechsel → kein Extrempunkt (Sattelpunkt)

Alternativ (zweite Ableitung):

  • f′(x0)=0f'(x_0) = 0 und f′′(x0)<0f''(x_0) < 0 → Hochpunkt
  • f′(x0)=0f'(x_0) = 0 und f′′(x0)>0f''(x_0) > 0 → Tiefpunkt
  • f′(x0)=0f'(x_0) = 0 und f′′(x0)=0f''(x_0) = 0 → keine Aussage, VZW prüfen!

Beispiel: f(x)=x3−3xf(x) = x^3 - 3x

f′(x)=3x2−3=3(x2−1)=3(x−1)(x+1)f'(x) = 3x^2 - 3 = 3(x^2 - 1) = 3(x-1)(x+1)

f′(x)=0f'(x) = 0 → x1=−1x_1 = -1, x2=1x_2 = 1

f′′(x)=6xf''(x) = 6x

  • f′′(−1)=−6<0f''(-1) = -6 < 0 → Hochpunkt bei (−1∣2)(-1 \mid 2)
  • f′′(1)=6>0f''(1) = 6 > 0 → Tiefpunkt bei (1∣−2)(1 \mid -2)

Schritt 6: Monotonie

ff ist monoton steigend, wo f′(x)>0f'(x) > 0.

ff ist monoton fallend, wo f′(x)<0f'(x) < 0.

Die Nullstellen von f′f' teilen die xx-Achse in Intervalle. Prüfe in jedem Intervall das Vorzeichen von f′f' (z. B. durch Einsetzen eines Testwertes).

Für f(x)=x3−3xf(x) = x^3 - 3x mit f′(x)=3(x−1)(x+1)f'(x) = 3(x-1)(x+1):

Intervallf′(x)f'(x)Monotonie
x<−1x < -1++steigend
−1<x<1-1 < x < 1−-fallend
x>1x > 1++steigend

Schritt 7: Wendepunkte

Merke Wendepunkte bestimmen

Notwendige Bedingung: f′′(x0)=0f''(x_0) = 0

Hinreichende Bedingung:

  • f′′f'' wechselt das Vorzeichen bei x0x_0 → Wendepunkt
  • Alternativ: f′′′(x0)≠0f'''(x_0) \neq 0 → Wendepunkt

Ein Wendepunkt ist dort, wo die Krümmung wechselt (von Links- zu Rechtskrümmung oder umgekehrt).

Beispiel (Fortsetzung): f′′(x)=6x=0f''(x) = 6x = 0 → x=0x = 0

f′′′(x)=6≠0f'''(x) = 6 \neq 0 → Wendepunkt bei (0∣0)(0 \mid 0).

  • Für x<0x < 0: f′′(x)<0f''(x) < 0 → Rechtskrümmung (Graph ist wie ein Berg gewölbt)
  • Für x>0x > 0: f′′(x)>0f''(x) > 0 → Linkskrümmung (Graph ist wie ein Tal gewölbt)
Die Ableitungen beschreiben den Graphen: f′ zeigt Steigen und Fallen, f″ die Krümmung; Extrempunkte und Wendepunkt trennen die Abschnitte.

Zusammenfassung der Schritte

SchrittWasWie
DefinitionsbereichWo ist ff definiert?Nenner ≠0\neq 0, Wurzeln ≥0\geq 0
SymmetrieAchsen-/Punktsymmetrief(−x)=f(x)f(-x) = f(x) oder f(−x)=−f(x)f(-x) = -f(x)
GrenzverhaltenWas passiert für x→±∞x \to \pm\infty?Führender Term
NullstellenWo schneidet ff die xx-Achse?f(x)=0f(x) = 0 lösen
ExtremstellenHoch-/Tiefpunktef′(x)=0f'(x) = 0 + VZW oder f′′f''
MonotonieWo steigt/fällt ff?Vorzeichen von f′f'
WendepunkteWo wechselt die Krümmung?f′′(x)=0f''(x) = 0 + VZW oder f′′′f'''

Beispiel aus dem Alltag

Gewinnsituation eines Unternehmens:

Der Gewinn eines Start-ups wird modelliert durch:

G(x)=−x3+9x2−15x−10G(x) = -x^3 + 9x^2 - 15x - 10

wobei xx die Produktionsmenge in Tausend Stück ist.

Extremstellen: G′(x)=−3x2+18x−15=−3(x2−6x+5)=−3(x−1)(x−5)G'(x) = -3x^2 + 18x - 15 = -3(x^2 - 6x + 5) = -3(x - 1)(x - 5)

G′(x)=0G'(x) = 0 → x1=1x_1 = 1, x2=5x_2 = 5

G′′(x)=−6x+18G''(x) = -6x + 18

  • G′′(1)=12>0G''(1) = 12 > 0 → Tiefpunkt bei x=1x = 1: G(1)=−17G(1) = -17 (Verlust)
  • G′′(5)=−12<0G''(5) = -12 < 0 → Hochpunkt bei x=5x = 5: G(5)=15G(5) = 15 (maximaler Gewinn)

Wendepunkt: G′′(x)=0G''(x) = 0 → x=3x = 3: G(3)=−1G(3) = -1

Bei x=3x = 3 wechselt die Krümmung — das Gewinnwachstum nimmt ab diesem Punkt ab. Trotzdem steigt der Gewinn noch bis x=5x = 5.

Anwendung

Aufgabe 1: Führe eine vollständige Kurvendiskussion für f(x)=x3−12xf(x) = x^3 - 12x durch.

Lösung:

  • Symmetrie: f(−x)=−x3+12x=−f(x)f(-x) = -x^3 + 12x = -f(x) → punktsymmetrisch zum Ursprung
  • Grenzverhalten: f(x)→−∞f(x) \to -\infty für x→−∞x \to -\infty und f(x)→+∞f(x) \to +\infty für x→+∞x \to +\infty
  • Nullstellen: x(x2−12)=0x(x^2 - 12) = 0 → x1=0x_1 = 0, x2,3=±23≈±3,46x_{2,3} = \pm 2\sqrt{3} \approx \pm 3{,}46
  • f′(x)=3x2−12=3(x−2)(x+2)=0f'(x) = 3x^2 - 12 = 3(x-2)(x+2) = 0 → x=±2x = \pm 2
  • f′′(x)=6xf''(x) = 6x. f′′(−2)=−12<0f''(-2) = -12 < 0 → HP (−2∣16)(-2 \mid 16). f′′(2)=12>0f''(2) = 12 > 0 → TP (2∣−16)(2 \mid -16).
  • Wendepunkt: f′′(x)=6x=0f''(x) = 6x = 0 → x=0x = 0, f(0)=0f(0) = 0 → WP (0∣0)(0 \mid 0)

Aufgabe 2: Bestimme die Extremstellen von f(x)=x4−8x2f(x) = x^4 - 8x^2.

Antwort anzeigen
Bilde f′(x)f'(x) und klammere aus. Prüfe jeden Kandidaten mit der zweiten Ableitung oder dem VZW-Kriterium.

Lösung:

f′(x)=4x3−16x=4x(x2−4)=4x(x−2)(x+2)=0f'(x) = 4x^3 - 16x = 4x(x^2 - 4) = 4x(x-2)(x+2) = 0 → x1=0x_1 = 0, x2=2x_2 = 2, x3=−2x_3 = -2

f′′(x)=12x2−16f''(x) = 12x^2 - 16

  • f′′(0)=−16<0f''(0) = -16 < 0 → HP (0∣0)(0 \mid 0)
  • f′′(2)=32>0f''(2) = 32 > 0 → TP (2∣−16)(2 \mid -16)
  • f′′(−2)=32>0f''(-2) = 32 > 0 → TP (−2∣−16)(-2 \mid -16)

Typische Fehler

Häufiger Irrtum

Irrtum: „f′(x0)=0f'(x_0) = 0 bedeutet automatisch Extremstelle.”

Richtig ist: f′(x0)=0f'(x_0) = 0 ist nur die notwendige Bedingung. Es muss ein Vorzeichenwechsel von f′f' vorliegen. Bei f(x)=x3f(x) = x^3 ist f′(0)=0f'(0) = 0, aber es liegt kein Extrempunkt vor, sondern ein Sattelpunkt.

Häufiger Irrtum

Irrtum: „f′′(x0)=0f''(x_0) = 0 bedeutet Wendepunkt.”

Richtig ist: Auch hier braucht es einen Vorzeichenwechsel von f′′f''. Bei f(x)=x4f(x) = x^4 ist f′′(0)=0f''(0) = 0, aber es liegt kein Wendepunkt vor (die Funktion hat bei x=0x = 0 ein Minimum).

Häufiger Irrtum

Irrtum: „Zwischen Hochpunkt und Tiefpunkt liegt der Wendepunkt genau in der Mitte.”

Richtig ist: Das gilt nur bei kubischen Funktionen f(x)=ax3+bx2+cx+df(x) = ax^3 + bx^2 + cx + d. Bei Funktionen höheren Grades liegt der Wendepunkt im Allgemeinen nicht in der Mitte.

VZW immer prüfen!

Verlasse dich nicht blind auf f′′(x0)<0f''(x_0) < 0 oder f′′(x0)>0f''(x_0) > 0, wenn f′′(x0)=0f''(x_0) = 0 ist. In diesem Fall ist die zweite Ableitung nicht aussagekräftig — du musst den Vorzeichenwechsel von f′f' direkt prüfen.

Zusammenfassung

  • Die Kurvendiskussion untersucht eine Funktion systematisch auf Definitionsbereich, Symmetrie, Grenzverhalten, Nullstellen, Extremstellen, Monotonie und Wendepunkte.
  • Extremstellen: f′(x)=0f'(x) = 0 (notwendig) und Vorzeichenwechsel von f′f' (hinreichend).
  • Wendepunkte: f′′(x)=0f''(x) = 0 (notwendig) und Vorzeichenwechsel von f′′f'' (hinreichend).
  • Die Monotonie ergibt sich aus dem Vorzeichen von f′f', die Krümmung aus dem Vorzeichen von f′′f''.
  • Das Verhalten für x→±∞x \to \pm\infty wird vom führenden Term bestimmt.
  • Symmetrie kann die Arbeit halbieren: Bei Achsensymmetrie genügt die Untersuchung für x≥0x \geq 0.

Quiz

Frage 1: Nenne die notwendige und die hinreichende Bedingung für eine Extremstelle.

Antwort anzeigen

Notwendige Bedingung: f′(x0)=0f'(x_0) = 0. Hinreichende Bedingung: f′f' hat bei x0x_0 einen Vorzeichenwechsel. Alternativ: f′(x0)=0f'(x_0) = 0 und f′′(x0)≠0f''(x_0) \neq 0 (dann entscheidet das Vorzeichen von f′′f'').

Frage 2: Warum hat f(x)=x3f(x) = x^3 bei x=0x = 0 keinen Extrempunkt, obwohl f′(0)=0f'(0) = 0?

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Weil f′(x)=3x2≥0f'(x) = 3x^2 \geq 0 für alle xx. Es findet kein Vorzeichenwechsel statt — f′f' ist links und rechts von x=0x = 0 positiv (bzw. Null). Die Funktion steigt auf ganz R\mathbb{R}, x=0x = 0 ist ein Sattelpunkt.

Frage 3: Bestimme die Wendepunkte von f(x)=x4−6x2+1f(x) = x^4 - 6x^2 + 1.

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f′(x)=4x3−12xf'(x) = 4x^3 - 12x, f′′(x)=12x2−12=12(x2−1)=0f''(x) = 12x^2 - 12 = 12(x^2 - 1) = 0 → x=±1x = \pm 1. f′′′(x)=24xf'''(x) = 24x. f′′′(1)=24≠0f'''(1) = 24 \neq 0 und f′′′(−1)=−24≠0f'''(-1) = -24 \neq 0. Also Wendepunkte bei (1∣−4)(1 \mid -4) und (−1∣−4)(-1 \mid -4).

Frage 4: Was sagt das Vorzeichen von f′′f'' über den Graphen aus?

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f′′(x)>0f''(x) > 0 bedeutet Linkskrümmung (der Graph ist nach oben geöffnet, wie ein Tal). f′′(x)<0f''(x) < 0 bedeutet Rechtskrümmung (der Graph ist nach unten geöffnet, wie ein Berg). Am Wendepunkt wechselt die Krümmungsrichtung.

Aufgaben mit Lösungsweg

Schlüsselwörter

  • nullstelle
  • extremstelle
  • wendepunkt
  • monotonie
  • vorzeichenwechsel
  • krümmung