Widerstandsformen im Nationalsozialismus vergleichen
Zur Lektion: Die NS-Zeit — Diktatur, Verbrechen, Verantwortung
Aufgabenstellung
Widerstand gegen den Nationalsozialismus hatte viele Formen — vom stillen Nonkonformismus bis zum aktiven Umsturzversuch.
- (a) Unterscheiden Sie die Begriffe Widerstand, Resistenz und Verweigerung und ordnen Sie jedem Begriff ein historisches Beispiel zu. (4 BE)
- (b) Vergleichen Sie die Widerstandsformen der Weißen Rose (studentischer Widerstand) und des 20. Juli 1944 (militärischer Widerstand) hinsichtlich Motivation, Methoden und gesellschaftlicher Wirkung. (5 BE)
- (c) Erörtern Sie die Frage: Warum war der Widerstand gegen das NS-Regime so begrenzt? Beziehen Sie mindestens drei Erklärungsfaktoren ein. (3 BE)
Lösungsweg
Schritt 1: Begriffsdifferenzierung (a)
Der Historiker Martin Broszat entwickelte ein Stufenmodell, das verschiedene Grade der Opposition unterscheidet:
Widerstand (im engeren Sinne): Aktive, bewusste Opposition mit dem Ziel, das NS-Regime zu stürzen oder grundlegend zu verändern. Widerstand beinhaltet die Bereitschaft, das eigene Leben zu riskieren. Beispiel: Die Verschwörer des 20. Juli 1944 (Stauffenberg, Beck, Goerdeler) planten ein Attentat auf Hitler und einen Staatsstreich, um die NS-Herrschaft zu beenden.
Resistenz: Partielle Verweigerung gegenüber dem Totalitätsanspruch des Regimes, ohne das System als Ganzes infrage zu stellen. Resistenz bedeutet, sich in bestimmten Bereichen dem Zugriff des Regimes zu entziehen. Beispiel: Die katholische Kirche unter Bischof von Galen protestierte 1941 öffentlich gegen die „Euthanasie”-Morde (Aktion T4) und erreichte deren offizielles Ende — ohne jedoch das NS-Regime insgesamt anzugreifen. Die Kirche blieb in anderen Bereichen (Krieg, Judenverfolgung) weitgehend konform.
Verweigerung (Nonkonformismus): Individuelles Verhalten, das von den Erwartungen des Regimes abweicht, ohne politisch motiviert zu sein. Beispiel: Die Swing-Jugend in Hamburg hörte verbotene amerikanische Musik, kleidete sich betont angelsächsisch und entzog sich der Hitlerjugend-Kultur — nicht aus politischer Überzeugung, sondern aus kultureller Distanz und Lebensstilpräferenz.
Schritt 2: Vergleich — Weiße Rose und 20. Juli 1944 (b)
| Kriterium | Weiße Rose | 20. Juli 1944 |
|---|---|---|
| Akteure | Studierende: Hans und Sophie Scholl, Christoph Probst, Willi Graf, Alexander Schmorell, Prof. Kurt Huber | Militärs und konservative Eliten: Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Ludwig Beck, Carl Goerdeler |
| Zeitraum | 1942–1943 | 1943–1944 (Planung), 20. Juli 1944 (Ausführung) |
| Motivation | Christlich-humanistisch, philosophisch. Empörung über die Verbrechen an der Ostfront und die Judenverfolgung. Appell an das Gewissen der Bevölkerung. | Gemischt: konservativ-nationale Motive (Rettung Deutschlands vor der Niederlage), christlich-ethische Motive (Empörung über Verbrechen), machtpolitische Motive (Friedensverhandlungen ermöglichen). |
| Methoden | Flugblätter (6 Stück, 1942–1943): intellektuelle Aufklärung, Appell an Vernunft und Moral. Verbreitung per Post und durch Ablegen in öffentlichen Gebäuden. Gewaltfrei. | Attentat und Staatsstreich (Operation Walküre): Sprengstoffanschlag auf Hitler im Führerhauptquartier, anschließende militärische Machtübernahme. Gewaltbereit, auf Systemsturz ausgerichtet. |
| Gesellschaftliche Wirkung | Zu Lebzeiten minimal: Die Flugblätter erreichten nur wenige tausend Menschen. Die Verhaftung und Hinrichtung (Februar 1943) blieb in der deutschen Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet. Nachwirkung: Die Weiße Rose wurde nach 1945 zum Symbol des moralischen Widerstands und wird international als Beispiel für Zivilcourage verehrt. | Das gescheiterte Attentat löste eine Verhaftungswelle aus (ca. 7.000 Verhaftungen, 200 Hinrichtungen). Es delegitimierte den militärischen Widerstand im öffentlichen Bewusstsein — die NS-Propaganda brandmarkte die Verschwörer als „Verräter”. Nachwirkung: Der 20. Juli gilt heute als Beweis, dass es auch innerhalb der deutschen Eliten Widerstand gab, und dient als Traditionsanker der Bundeswehr. |
Gemeinsam ist beiden Gruppen: die Bereitschaft, das eigene Leben zu riskieren; die moralische Überzeugung, dass Handeln geboten war; das Scheitern zu Lebzeiten; die posthume Anerkennung als Widerstandskämpfer.
Schritt 3: Warum war der Widerstand so begrenzt? (c)
1. Terrorapparat und Überwachung: Das NS-Regime verfügte über einen effektiven Unterdrückungsapparat (Gestapo, SD, SS, Blockwarte, Denunziationssystem). Widerstand war lebensgefährlich — nicht nur für die Beteiligten, sondern auch für ihre Familien (Sippenhaft). Die Kosten des Widerstands waren extrem hoch, der Erfolg ungewiss.
2. Zustimmung und Anpassung: Das Regime genoss — zumindest bis 1943 — breite Zustimmung. Die Beseitigung der Arbeitslosigkeit, außenpolitische „Erfolge” (Rheinland, Anschluss, Sudetenland) und der Mythos der „Volksgemeinschaft” banden große Teile der Bevölkerung an das Regime. Wer materiell profitierte (Arisierung, Aufstiegschancen), hatte wenig Anreiz zum Widerstand.
3. Fragmentierung der Opposition: Die potentiellen Gegner des Regimes waren untereinander zerstritten. Kommunisten und Sozialdemokraten misstrauten einander seit der Weimarer Zeit; konservative Eliten und Arbeiterorganisationen verfolgten unterschiedliche Ziele für ein post-nationalsozialistisches Deutschland. Es gelang nicht, eine vereinte Widerstandsbewegung zu bilden, wie sie etwa in Frankreich (Résistance) oder Jugoslawien (Partisanen) entstand.
4. Atomisierung der Gesellschaft: Die Gleichschaltung zerstörte die zivilgesellschaftlichen Strukturen (Parteien, Gewerkschaften, Vereine), die als Organisationsbasis für Widerstand hätten dienen können. Der Einzelne stand dem Staat isoliert gegenüber — Widerstand setzte Netzwerke voraus, die das Regime systematisch zerschlagen hatte.
Ergebnis
| Aspekt | Ergebnis |
|---|---|
| Begriffe | Widerstand (Systemsturz), Resistenz (partielle Verweigerung), Nonkonformismus (individuelle Abweichung) |
| Weiße Rose | Gewaltfreier Appell an das Gewissen; symbolische Nachwirkung |
| 20. Juli 1944 | Attentat und Staatsstreich; gescheitert, aber Beweis für Widerstand in den Eliten |
| Gründe für begrenzten Widerstand | Terrorapparat, breite Zustimmung, Fragmentierung der Opposition, Zerstörung der Zivilgesellschaft |