Mittelstufe ~14 Min. Natur & Technik

Wärmelehre — Temperatur, Energie und Entropie

Lernziele

  • Temperatur als mittlere kinetische Energie der Teilchen interpretieren
  • Wärme und Temperatur als unterschiedliche Größen unterscheiden
  • Den ersten und zweiten Hauptsatz der Thermodynamik erläutern
  • Den Carnot-Wirkungsgrad berechnen und einordnen

Einführung

Wärme ist Alltag: Kaffee kühlt ab, ein Heizkörper wärmt den Raum, ein Verbrennungsmotor macht Antriebsarbeit. Hinter all diesen Phänomenen steckt dieselbe Physik — die Thermodynamik. Sie beschreibt, wie Wärme, Arbeit und innere Energie miteinander zusammenhängen, und sie setzt fundamentale Grenzen: Kein Motor kann mehr Arbeit leisten, als der thermodynamische Wirkungsgrad erlaubt.

Die Thermodynamik entstand im 19. Jahrhundert aus der Praxis — Ingenieure wollten Dampfmaschinen verbessern. Heute prägt sie Klimaanlagen, Wärmepumpen, Kühlschränke, Turbinen und unser Verständnis von Energieerhaltung.

Grundidee

Jeder Körper besteht aus Atomen und Molekülen, die sich ständig in ungeordneter thermischer Bewegung befinden — sie schwingen, rotieren und stoßen zusammen. Temperatur ist ein Maß für die mittlere kinetische Energie dieser Teilchen: Je schneller die Teilchen im Durchschnitt, desto höher die Temperatur. Wärme ist übertragene Energie — sie fließt von Orten hoher Temperatur zu Orten niedriger Temperatur, bis ein Gleichgewicht erreicht ist.

Erklärung

Temperatur als kinetische Energie

Die absolute Temperatur TT (in Kelvin) ist proportional zur mittleren kinetischen Energie der Teilchen:

Eˉkin=32kBT\bar{E}_{\text{kin}} = \frac{3}{2} k_B T

wobei kB=1,381023  J/Kk_B = 1{,}38 \cdot 10^{-23}\;\mathrm{J/K} die Boltzmann-Konstante ist.

Der absolute Nullpunkt T=0  K=273,15  °CT = 0\;\mathrm{K} = -273{,}15\;\mathrm{°C} entspricht der kleinstmöglichen thermischen Energie — Teilchen würden dann vollständig ruhen (quantenmechanisch: nur noch Nullpunktsenergie). Der absolute Nullpunkt ist unerreichbar.

Umrechnung: T[K]=ϑ[°C]+273,15T\,[\mathrm{K}] = \vartheta\,[\mathrm{°C}] + 273{,}15

Wärme vs. Temperatur

Temperatur und Wärme sind nicht dasselbe:

  • Temperatur TT ist eine intensive Größe — sie hängt nicht von der Menge des Stoffes ab. Ein Fingerhut kochendes Wasser hat dieselbe Temperatur wie ein voller Topf.
  • Wärme QQ ist eine extensive Größe — sie hängt von der Menge des Stoffes und seiner Temperaturänderung ab.

Die übertragene Wärme beim Erwärmen einer Masse mm um ΔT\Delta T:

Q=mcΔTQ = m \cdot c \cdot \Delta T

Dabei ist cc die spezifische Wärmekapazität (in J/(kgK)\mathrm{J/(kg \cdot K)}). Sie gibt an, wie viel Energie nötig ist, um 1  kg1\;\mathrm{kg} des Stoffes um 1  K1\;\mathrm{K} zu erwärmen.

Stoffcc in J/(kgK)\mathrm{J/(kg \cdot K)}
Wasser41824182
Aluminium900900
Eisen450450
Luft (isobar)10051005

Das hohe cc von Wasser macht es zum idealen Kühlmittel und erklärt das mäßigende Klima an Meeresküsten.

Wärmeausdehnung

Die meisten Stoffe dehnen sich bei Erwärmung aus, weil die stärker schwingenden Teilchen mehr Platz beanspruchen:

ΔL=αL0ΔT\Delta L = \alpha \cdot L_0 \cdot \Delta T

α\alpha ist der lineare Ausdehnungskoeffizient (in K1\mathrm{K^{-1}}). Für Stahl gilt α12106  K1\alpha \approx 12 \cdot 10^{-6}\;\mathrm{K^{-1}}: Eine 100  m100\;\mathrm{m} lange Stahlbrücke dehnt sich bei ΔT=30  K\Delta T = 30\;\mathrm{K} um ΔL=1210610030  m=0,036  m=3,6  cm\Delta L = 12 \cdot 10^{-6} \cdot 100 \cdot 30\;\mathrm{m} = 0{,}036\;\mathrm{m} = 3{,}6\;\mathrm{cm} aus — weshalb Brücken Dehnungsfugen brauchen.

Wärmeübertragung

Es gibt drei Mechanismen der Wärmeübertragung:

  1. Wärmeleitung (Konduktion): Direkte Weitergabe kinetischer Energie zwischen benachbarten Teilchen. Gut in festen Metallen (Elektronen leiten Wärme), schlecht in Isolatoren und Gasen.

  2. Konvektion: Transport von Wärme durch Strömung — heiße Luft steigt auf, kühle sinkt. Grundlage von Heizungsanlagen, Wetterphänomenen, Meeresströmungen.

  3. Wärmestrahlung (Emission): Jeder Körper emittiert elektromagnetische Strahlung (Infrarot bis sichtbar), deren Intensität und Wellenlänge von der Temperatur abhängen. Kein Medium nötig — so erreicht Sonnenenergie die Erde.

Erster Hauptsatz der Thermodynamik

Die innere Energie UU eines Systems ändert sich, wenn dem System Wärme QQ zugeführt oder Arbeit WW an ihm verrichtet wird:

ΔU=Q+W\Delta U = Q + W

Vorzeichen-Konvention: Q>0Q > 0: Wärme wird zugeführt; W>0W > 0: Arbeit wird am System verrichtet (Kompression).

Der erste Hauptsatz ist die Energieerhaltung für thermodynamische Systeme. Er besagt: Energie kann weder erzeugt noch vernichtet werden — nur umgewandelt. Ein Perpetuum mobile erster Art (das mehr Energie liefert als zugeführt wird) ist unmöglich.

Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik

Der zweite Hauptsatz beschreibt die Richtung von Prozessen:

  • Wärme fließt spontan immer von der höheren zur niedrigeren Temperatur — niemals umgekehrt.
  • In einem abgeschlossenen System nimmt die Entropie SS nie ab: ΔS0\Delta S \geq 0.

Die Entropie ist ein Maß für die Unordnung oder die Anzahl der möglichen Mikrozustände eines Systems. Spontane Prozesse erhöhen die Unordnung: Ein Tropfen Tinte im Wasser verteilt sich von allein, kehrt aber nie von selbst in den Tropfen zurück. Ein Perpetuum mobile zweiter Art (das Wärme vollständig in Arbeit umwandelt) ist ebenfalls unmöglich.

Wärmekraftmaschinen und Carnot-Wirkungsgrad

Eine Wärmekraftmaschine entnimmt einer heißen Quelle (Temperatur TwT_w) Wärme QwQ_w, wandelt einen Teil davon in Arbeit WW um und gibt den Rest QkQ_k an eine kalte Senke (Temperatur TkT_k) ab:

W=QwQkW = Q_w - Q_k

Der Wirkungsgrad ist:

η=WQw=1QkQw\eta = \frac{W}{Q_w} = 1 - \frac{Q_k}{Q_w}

Nicolas Carnot zeigte 1824, dass kein realer Prozess effizienter sein kann als der ideale, reversible Carnot-Prozess:

ηCarnot=1TkTw\eta_{\text{Carnot}} = 1 - \frac{T_k}{T_w}

(Temperaturen in Kelvin!) Dieser Wirkungsgrad ist ausschließlich durch die Temperaturen bestimmt — unabhängig vom Arbeitsmedium. Reale Motoren erreichen ihn nie, weil Reibung und Wärmeverluste auftreten.

Carnot-Beispiel: Dampfturbine

Eine Dampfturbine arbeitet zwischen Tw=550  °C=823  KT_w = 550\;\mathrm{°C} = 823\;\mathrm{K} und Tk=30  °C=303  KT_k = 30\;\mathrm{°C} = 303\;\mathrm{K}. Der theoretische Maximalwirkungsgrad beträgt: ηCarnot=1303/82363  %\eta_{\text{Carnot}} = 1 - 303/823 \approx 63\;\%. Reale Großkraftwerke erreichen 45  %\approx 45\;\%.

Wärmepumpe

Eine Wärmepumpe ist eine Wärmekraftmaschine in umgekehrter Betriebsrichtung: Sie entnimmt der Umgebung (kalt) Wärme und pumpt sie ins Gebäude (warm) — unter Aufwand elektrischer Arbeit WW.

Qw=Qk+WQ_w = Q_k + W

Die Leistungszahl (COP, Coefficient of Performance) einer Wärmepumpe:

ε=QwW=TwTwTk\varepsilon = \frac{Q_w}{W} = \frac{T_w}{T_w - T_k}

Eine Wärmepumpe liefert bei Tw=20  °CT_w = 20\;\mathrm{°C} und Tk=0  °CT_k = 0\;\mathrm{°C} theoretisch ε=293/20=14,7\varepsilon = 293/20 = 14{,}7 — das heißt, aus 1  kWh1\;\mathrm{kWh} Strom werden bis zu 14,7  kWh14{,}7\;\mathrm{kWh} Wärme! Reale Wärmepumpen erreichen ε3\varepsilon \approx 355.

Merke dir

Der Carnot-Wirkungsgrad η=1Tk/Tw\eta = 1 - T_k/T_w setzt eine absolute Obergrenze für jede Wärmekraftmaschine. Je größer der Temperaturunterschied, desto effizienter. Die Wärmepumpe kehrt das Prinzip um und erreicht Leistungszahlen weit über 1 — sie ist keine Verletzung des ersten Hauptsatzes, sondern eine clevere Nutzung von Umgebungswärme.

Beispiel aus dem Alltag

Warum kühlt Kaffee ab, aber wärmt sich nie von selbst wieder auf?

Heißer Kaffee gibt Wärme durch Leitung (an die Tasse), Konvektion (warme Luft über der Oberfläche) und Strahlung an die kühlere Umgebung ab. Dieser Prozess ist durch den zweiten Hauptsatz irreversibel: Wärme fließt von warm nach kalt. Die Entropie des Gesamtsystems (Kaffee + Umgebung) steigt dabei an. Den umgekehrten Prozess — Kaffee wärmt sich auf Kosten der Umgebungsluft auf — würde zwar den ersten Hauptsatz (Energieerhaltung) nicht verletzen, wohl aber den zweiten. Er ist deshalb nicht möglich.

Anwendung

Berechne den Carnot-Wirkungsgrad einer Wärmekraftmaschine, die zwischen Tw=400  °CT_w = 400\;\mathrm{°C} und Tk=20  °CT_k = 20\;\mathrm{°C} arbeitet.

Lösung:

Umrechnung in Kelvin: Tw=673  KT_w = 673\;\mathrm{K}, Tk=293  KT_k = 293\;\mathrm{K}.

ηCarnot=1TkTw=129367310,435=0,565=56,5  %\eta_{\text{Carnot}} = 1 - \frac{T_k}{T_w} = 1 - \frac{293}{673} \approx 1 - 0{,}435 = 0{,}565 = 56{,}5\;\%

Kein realer Motor zwischen diesen Temperaturen kann mehr als 56,5  %56{,}5\;\% der Wärme in Arbeit umwandeln.

Typische Fehler

Häufiger Irrtum

„Temperatur und Wärme sind dasselbe.” Temperatur ist eine intensive Zustandsgröße (ein Wert für das System), Wärme ist eine Prozessgröße (übertragene Energie). Man kann nicht fragen „Wie viel Wärme hat der Körper?” — nur „Wie viel Wärme wurde übertragen?” Ähnlich: Arbeit ist keine Eigenschaft eines Körpers, sondern eine Prozesgröße.

Zusammenfassung

Merke dir:

  • Temperatur \propto mittlere kinetische Energie der Teilchen; absoluter Nullpunkt bei 0  K=273,15  °C0\;\mathrm{K} = -273{,}15\;\mathrm{°C}.
  • Wärme ist übertragene Energie: Q=mcΔTQ = mc\Delta T; sie fließt stets von warm nach kalt.
  • Wärmeübertragung: Leitung (Kontakt), Konvektion (Strömung), Strahlung (elektromagnetisch).
  • Erster Hauptsatz: ΔU=Q+W\Delta U = Q + W — Energieerhaltung.
  • Zweiter Hauptsatz: Entropie steigt; kein Perpetuum mobile zweiter Art.
  • Carnot-Wirkungsgrad: η=1Tk/Tw\eta = 1 - T_k/T_w — absolute Obergrenze für Wärmekraftmaschinen.
  • Wärmepumpe: Umkehrung der Wärmekraftmaschine, Leistungszahl ε=Tw/(TwTk)1\varepsilon = T_w/(T_w - T_k) \gg 1.

Quiz

Frage 1: Erkläre, warum man bei der Carnot-Formel unbedingt Kelvin verwenden muss.

Frage 2: Welchen Effekt hat Wasser als Wärmekapazitätsspeicher auf das Küstenklima?

Frage 3: Warum ist der zweite Hauptsatz auch als „Pfeil der Zeit” bekannt?

Frage 4: Ein Kühlschrank entnimmt dem Innenraum Qk=300  JQ_k = 300\;\mathrm{J} und verbraucht dabei W=120  JW = 120\;\mathrm{J} elektrische Energie. Wie viel Wärme gibt er an die Küche ab?

Schlüsselwörter

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