Du kennst den Hauptsatz: Um ein bestimmtes Integral zu berechnen, brauchst du eine Stammfunktion. Aber wie findet man Stammfunktionen? Für einfache Funktionen genügt das Umkehren der Ableitungsregeln. Für kompliziertere Funktionen gibt es zwei Schlüsselverfahren — partielle Integration und Substitution — die direkt aus Produkt- und Kettenregel hervorgehen. Mit diesen Werkzeugen lässt sich ein Großteil der Abi-Integrale lösen.
Grundidee
Ableiten ist wie eine Einbahnstraße: Du hast klare Regeln (Potenzregel, Kettenregel, …) und kommst immer zum Ergebnis. Integrieren ist die Rückfahrt — und die ist oft schwieriger, weil es keine universelle „Umkehrregel” gibt.
Stell dir vor, Ableiten ist wie das Zerlegen eines Lego-Modells in Einzelteile — das geht schnell. Integrieren ist wie das Zusammenbauen ohne Anleitung: Du musst die richtige Strategie erkennen.
Die gute Nachricht: Für Abi-Aufgaben genügen wenige Grundtechniken:
Potenzregel rückwärts (für Polynome)
Partielle Integration (wenn ein Produkt da steht — „Umkehrung der Produktregel”)
Substitution (wenn eine Verkettung da steht — „Umkehrung der Kettenregel”)
Jede Integrationsregel ist die Umkehrung einer Ableitungsregel – die Form des Integranden zeigt, welche passt.
Erklärung
Das unbestimmte Integral
Das unbestimmte Integral ist die Menge aller Stammfunktionen:
∫f(x)dx=F(x)+C
wobei F′(x)=f(x) und C eine beliebige Konstante ist.
Potenzregel (rückwärts)
MerkePotenzregel der Integration
∫xndx=n+1xn+1+C(n=−1)
Exponent um 1 erhöhen, durch den neuen Exponenten teilen.
Sonderfall:∫x−1dx=∫x1dx=ln∣x∣+C
Beispiele:
f(x)
∫f(x)dx
x4
51x5+C
x−3=x31
−21x−2+C=−2x21+C
x=x1/2
32x3/2+C
1
x+C
Faktorregel
∫c⋅f(x)dx=c⋅∫f(x)dx
Konstante Faktoren dürfen vor das Integral gezogen werden.
Summenregel
∫[f(x)+g(x)]dx=∫f(x)dx+∫g(x)dx
Summen werden gliedweise integriert.
Beispiel:∫(3x2−4x+5)dx=x3−2x2+5x+C
Wichtige Stammfunktionen
f(x)
F(x)
xn (n=−1)
n+1xn+1
x1
$\ln
ex
ex
ekx
k1ekx
sin(x)
−cos(x)
cos(x)
sin(x)
(Jeweils +C.)
Partielle Integration
Partielle Integration ist die Umkehrung der Produktregel. Sie hilft bei Integralen der Form ∫u(x)⋅v′(x)dx.
MerkePartielle Integration
∫u(x)⋅v′(x)dx=u(x)⋅v(x)−∫u′(x)⋅v(x)dx
Kurzform:∫u⋅v′=u⋅v−∫u′⋅v
Strategie: Wähle u so, dass u′ einfacher wird, und v′ so, dass du v leicht integrieren kannst.
Beispiel 1:∫x⋅exdx
Setze u=x (wird durch Ableiten einfacher: u′=1) und v′=ex (leicht integrierbar: v=ex).
∫x⋅exdx=x⋅ex−∫1⋅exdx=x⋅ex−ex+C=ex(x−1)+C
Probe:[ex(x−1)]′=ex(x−1)+ex⋅1=ex⋅x=x⋅ex ✓
Beispiel 2:∫x2⋅exdx
u=x2, v′=ex → u′=2x, v=ex
∫x2⋅exdx=x2⋅ex−∫2x⋅exdx
Das verbleibende Integral kennen wir aus Beispiel 1:
=x2⋅ex−2(x⋅ex−ex)+C=ex(x2−2x+2)+C
Wann partielle Integration?
Typische Fälle: ∫xn⋅exdx, ∫xn⋅sin(x)dx, ∫xn⋅cos(x)dx, ∫ln(x)dx. Immer wenn ein Faktor durch Ableiten „verschwindet” (Polynom) und der andere leicht integrierbar ist.
Substitution
Die Substitution ist die Umkehrung der Kettenregel. Sie hilft bei Integralen, in denen eine innere Funktion und deren Ableitung vorkommen.
MerkeSubstitutionsregel
∫f(g(x))⋅g′(x)dx=∫f(u)dumit u=g(x)
Vorgehen:
Erkenne die innere Funktion u=g(x)
Bilde dxdu=g′(x), also du=g′(x)dx
Ersetze alles durch u
Integriere nach u
Resubstituiere: Setze u=g(x) wieder ein
Beispiel 1:∫2x⋅ex2dx
Setze u=x2, dann du=2xdx.
∫2x⋅ex2dx=∫eudu=eu+C=ex2+C
Beispiel 2:∫x2+12xdx
Setze u=x2+1, dann du=2xdx.
∫x2+12xdx=∫u1du=ln∣u∣+C=ln(x2+1)+C
Beispiel 3:∫(3x+2)5dx
Setze u=3x+2, dann du=3dx, also dx=31du.
∫(3x+2)5dx=31∫u5du=31⋅6u6+C=18(3x+2)6+C
Substitution bei bestimmten Integralen
Bei bestimmten Integralen müssen die Grenzen mit transformiert werden:
∫abf(g(x))⋅g′(x)dx=∫g(a)g(b)f(u)du
Beispiel:∫012x⋅ex2dx mit u=x2:
Neue Grenzen: u(0)=0, u(1)=1
∫01eudu=[eu]01=e−1
Beispiel aus dem Alltag
Energieverbrauch:
Ein Haushalt verbraucht Strom mit der Rate P(t)=0,5+0,3sin(12πt) kW, wobei t die Stunde des Tages ist. Der Gesamtverbrauch in 24 Stunden:
Irrtum: „Beim Integrieren teile ich einfach durch den Exponenten: ∫x3dx=3x3.”
Richtig ist: Zuerst den Exponenten um 1 erhöhen, dann teilen: ∫x3dx=4x4+C. Der häufigste Fehler: Exponent nicht erhöhen.
Häufiger Irrtum
Irrtum: „Produkte integriert man Faktor für Faktor: ∫f⋅g=(∫f)(∫g).”
Richtig ist: Eine solche Regel gibt es nicht. Für Produkte braucht man partielle Integration oder Substitution. Die „Produktregel des Integrierens” ist die partielle Integration, und die sieht völlig anders aus.
Häufiger Irrtum
Irrtum: „Bei der Substitution ändere ich nur den Integranden, die Grenzen bleiben gleich.”
Richtig ist: Bei bestimmten Integralen müssen die Grenzen mit transformiert werden: Aus x=a wird u=g(a). Alternativ kann man zurücksubstituieren und die alten Grenzen verwenden.
Integrationskonstante C nicht vergessen!
Beim unbestimmten Integral gehört immer ein +C dazu. Beim bestimmten Integral fällt C weg (es kürzt sich bei F(b)−F(a)), aber beim unbestimmten Integral ist es Teil der Lösung.
Zusammenfassung
Die Potenzregel rückwärts ergibt ∫xndx=n+1xn+1+C.
Summenregel und Faktorregel funktionieren beim Integrieren genauso wie beim Ableiten.
Partielle Integration (∫u⋅v′=uv−∫u′⋅v) ist die Umkehrung der Produktregel.
Substitution (u=g(x), du=g′(x)dx) ist die Umkehrung der Kettenregel.
Bei bestimmten Integralen mit Substitution die Grenzen mittransformieren.
Ergebnisse immer durch Ableiten der Stammfunktion prüfen.
Quiz
Frage 1: Berechne ∫(5x4−x21)dx.
Antwort anzeigen
∫(5x4−x−2)dx=x5+x−1+C=x5+x1+C
Frage 2: Erkläre, wann du partielle Integration und wann Substitution verwendest.
Antwort anzeigen
Partielle Integration bei einem Produkt, bei dem ein Faktor durch Ableiten einfacher wird (z. B. x⋅ex). Substitution bei einer Verkettung, wenn die innere Ableitung (evtl. bis auf einen Faktor) auch im Integranden vorkommt (z. B. 2x⋅ex2).
Frage 4: Warum gibt es keine einfache „Produktregel” für Integrale?
Antwort anzeigen
Weil die Produktregel beim Ableiten (uv)′=u′v+uv′ lautet. Integriert man beide Seiten, erhält man uv=∫u′v+∫uv′, also ∫uv′=uv−∫u′v. Das ist die partielle Integration — sie gibt kein einfaches Produkt von Stammfunktionen, sondern führt auf ein neues Integral.