Globale Gerechtigkeit — Wessen Perspektive?
Ein Rollenspiel-Aufgabenblatt, das Schüler zwingt, globale Ungleichheit aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten — Kleinbäuerin in Ghana, Unternehmenslenker in Deutschland, Klimaaktivist in Bangladesh.
KI-Kontext
KI kann Hintergrundinformationen zu den Perspektiven liefern. Das eigentliche Rollenspiel und die Abschlussreflexion sind KI-frei.
Geförderte Kompetenzen
- Perspektivwechsel vollziehen und fremde Standpunkte rekonstruieren
- Empathie entwickeln ohne eigene Urteilsfähigkeit aufzugeben
- Ungleichheitsstrukturen (Handel, Schulden, Kolonialgeschichte) analysieren
- Die eigene Position im globalen System reflektieren
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Dieses Aufgabenblatt steht als druckfertiges PDF zur Verfügung.
Überblick für Lehrkräfte
Globale Ungleichheit ist schwer zu greifen, solange sie abstrakt bleibt. Dieses Aufgabenblatt macht sie konkret, indem es Schülerinnen zwingt, in andere Rollen zu schlüpfen — und dabei zu erkennen, dass dieselbe Welt aus verschiedenen Perspektiven völlig unterschiedlich aussieht. Das Ziel ist kein Mitleid, sondern Verstehen: Welche Strukturen produzieren die Ungleichheit? Welche Interessen stehen hinter den Positionen? Und wo stehe ich selbst?
Wichtig für die Durchführung: Das Rollenspiel gelingt am besten, wenn Schülerinnen wirklich versuchen, ihre Rolle zu vertreten — auch wenn sie persönlich anderer Meinung sind. Die anschließende Reflexion (Aufgabe 4) gibt ihnen die Möglichkeit, wieder aus der Rolle zu treten und zu reflektieren, was sie erlebt haben.
Der Ansatz
Das Blatt folgt der Methode des strukturierten Rollenspiels: Schülerinnen lesen Steckbriefe, erarbeiten die Positionen, diskutieren in der Rolle — und analysieren danach die strukturellen Ursachen der Ungleichheit. Die vier Rollen sind so gewählt, dass sowohl globaler Norden als auch globaler Süden vertreten sind, und dass verschiedene Dimensionen von Macht und Ohnmacht sichtbar werden.
Aufgabenstruktur
Aufgabe 1: Die vier Perspektiven — Steckbriefe lesen
Vier Steckbriefe werden gelesen (je ca. eine halbe Seite). Die Personen:
Aminata Koné, Kakaobäuerin, Côte d’Ivoire, 34 Jahre Bewirtschaftet 3 Hektar Kakao, ernährt damit sechs Kinder. Der Weltmarktpreis für Kakao schwankt stark — sie hat keinen Einfluss darauf. Der größte Teil der Wertschöpfung findet in Europa statt: Verarbeitung, Marketing, Verkauf. Sie erhält ca. 6% des Endpreises einer Tafel Schokolade.
Thomas Brandt, Produktionsleiter eines Schokoladenherstellers, Deutschland, 52 Jahre Arbeitet seit 25 Jahren in der Süßwarenbranche. Sein Unternehmen kauft Kakao auf dem Weltmarkt — je günstiger, desto besser für die Marge. „Wir halten uns an die Gesetze. Wenn die Politik faire Handelsregeln will, soll sie sie beschließen.”
Fatima Begum, Klimaflüchtling, Bangladesh, 27 Jahre Musste nach dem verheerenden Zyklon von 2022 ihr Dorf verlassen. Bangladesch ist für weniger als 0,2% der globalen CO₂-Emissionen verantwortlich, zählt aber zu den am stärksten betroffenen Ländern. Lebt jetzt in einem Übergangscamp in Dhaka.
Clara Hecker, Studentin und Klimaaktivistin, Berlin, 22 Jahre Engagiert sich bei Fridays for Future, kauft Second-Hand, fährt kein Auto. Fühlt sich persönlich verantwortlich — und gleichzeitig machtlos gegenüber dem System. Fragt sich, ob individuelles Handeln reicht.
Aufgabe 2: Positionen erarbeiten [KI kann helfen]
Jede Person wird mit drei Fragen analysiert:
- Was möchte diese Person?
- Was braucht sie dringend?
- Was fürchtet sie am meisten?
Schülerinnen fassen die Antworten in je drei Sätzen zusammen. KI-Tools dürfen für Hintergrundinformationen genutzt werden.
Aufgabe 3: Rollenspiel-Diskussion [KI-frei]
„Wer trägt die Verantwortung für globale Ungleichheit?” — Jede Schülerin vertritt eine Rolle und verteidigt deren Position. Mögliche Diskussionsformat: Fishbowl (4 Stühle innen, Rest außen beobachtet) oder offene Diskussion in Kleingruppen.
Lehrkräfte: Eingreifen, wenn Rollen zu schnell aufgegeben werden. Die produktive Spannung entsteht, wenn alle Rollen konsequent vertreten werden.
Aufgabe 4: Reflexion nach dem Rollenspiel [KI-frei]
Schülerinnen treten aus der Rolle. Leitfragen:
- Was hat dich überrascht?
- In welchen Momenten warst du mit deiner Rolle einverstanden — und wann nicht?
- Welche Rolle fiel dir leichter zu vertreten, welche schwerer? Warum?
Aufgabe 5: Systemanalyse
Welche strukturellen Faktoren erklären die Ungleichheit? Schülerinnen recherchieren und ordnen drei Faktoren ein: Welthandelsregeln (WTO, Zölle), Schuldenstrukturen (IWF-Kredite), Kolonialgeschichte (und ihr Erbe in heutigen Institutionen). Für jeden Faktor: Was müsste sich ändern, damit mehr Gerechtigkeit entsteht?
Einsatzmöglichkeiten
- Doppelstunde: Aufgaben 1–2 in der ersten Hälfte, Rollenspiel in der zweiten Hälfte; Aufgabe 4–5 als Hausaufgabe
- Projekttag: Alle fünf Aufgaben als halbtägige Einheit, mit abschließender Plenumsdiskussion
- Vorbereitung: Steckbriefe können als Hausaufgabe gelesen werden, um die Unterrichtszeit für das Rollenspiel zu nutzen
- Fächerübergreifend: Aufgabe 5 in Geschichte (Kolonialismus), Aufgabe 3 im Deutschunterricht als Übung für strukturierte Diskussion
Die Kernbotschaft
Globale Ungleichheit ist kein Naturgesetz — sie ist das Ergebnis von Entscheidungen, Regeln und Strukturen, die Menschen gemacht haben und die Menschen ändern können.