Kommunikationsstörung mit Watzlawick erklären
Zur Lektion: Kommunikationsmodelle verstehen
Aufgabenstellung
Lesen Sie das folgende Gesprächsprotokoll:
Person A (Partnerin): „Du redest ja nie mit mir über deine Gefühle.” Person B (Partner): „Ich rede nicht darüber, weil du immer sofort kritisierst.” Person A: „Ich kritisiere nur, weil du dich verschließt!” Person B: „Siehst du — genau das meine ich.”
- (a) Erklären Sie die fünf Axiome der Kommunikation nach Watzlawick und geben Sie jeweils ein kurzes Beispiel. (5 BE)
- (b) Analysieren Sie das Gesprächsprotokoll mithilfe des dritten Axioms (Interpunktion). Zeigen Sie, wie beide Gesprächspartner die Ursache-Wirkungs-Kette unterschiedlich setzen. (4 BE)
- (c) Erläutern Sie unter Bezug auf das zweite Axiom (Inhalts- und Beziehungsaspekt), warum das Gespräch scheitert, und skizzieren Sie einen Lösungsansatz. (3 BE)
Lösungsweg
Schritt 1: Die fünf Axiome nach Watzlawick (a)
Paul Watzlawick formulierte in seinem Werk Menschliche Kommunikation (1969) fünf grundlegende Axiome:
1. Axiom — Man kann nicht nicht kommunizieren: Jedes Verhalten in einer sozialen Situation hat Mitteilungscharakter. Auch Schweigen, Wegschauen oder Nichtreagieren ist eine Form der Kommunikation. Beispiel: Ein Schüler, der im Unterricht demonstrativ aus dem Fenster schaut, kommuniziert Desinteresse — auch ohne ein Wort zu sagen.
2. Axiom — Inhalts- und Beziehungsaspekt: Jede Kommunikation hat einen Inhaltsaspekt (Was wird gesagt?) und einen Beziehungsaspekt (Wie ist es gemeint? Wie stehen wir zueinander?). Der Beziehungsaspekt bestimmt, wie der Inhalt verstanden wird. Beispiel: „Kannst du das Fenster zumachen?” kann sachliche Bitte oder gereizte Aufforderung sein — abhängig von Tonfall und Beziehung.
3. Axiom — Interpunktion: Kommunikationsabläufe werden von den Beteiligten unterschiedlich strukturiert (interpunktiert). Jeder sieht sein Verhalten als Reaktion auf das Verhalten des anderen. Beispiel: Person A nörgelt, weil Person B sich zurückzieht; Person B zieht sich zurück, weil Person A nörgelt — ein Teufelskreis ohne objektiven Anfangspunkt.
4. Axiom — Digitale und analoge Kommunikation: Menschen kommunizieren sowohl digital (verbal, eindeutig, z. B. Wörter) als auch analog (nonverbal, mehrdeutig, z. B. Mimik, Gestik, Tonfall). Missverständnisse entstehen, wenn digitale und analoge Signale einander widersprechen. Beispiel: Jemand sagt „Mir geht es gut” mit zittriger Stimme und gesenktem Blick.
5. Axiom — Symmetrische und komplementäre Interaktion: Kommunikation verläuft entweder symmetrisch (gleichberechtigt, spiegelnd) oder komplementär (ergänzend, hierarchisch). Beispiel: Zwei Kollegen diskutieren auf Augenhöhe (symmetrisch); ein Arzt gibt Anweisungen, ein Patient folgt (komplementär).
Schritt 2: Analyse mit dem dritten Axiom — Interpunktion (b)
Das dritte Axiom erklärt den Kern des Konflikts: Beide Partner setzen den Anfangspunkt der Ursache-Wirkungs-Kette unterschiedlich.
Interpunktion von Person A (Partnerin):
- Ursache: B verschließt sich und redet nicht über Gefühle.
- Wirkung: A kritisiert, um B zum Reden zu bringen.
- Logik: „Weil du schweigst, muss ich nachhaken.”
Interpunktion von Person B (Partner):
- Ursache: A kritisiert ständig.
- Wirkung: B zieht sich zurück, um der Kritik zu entgehen.
- Logik: „Weil du kritisierst, verschließe ich mich.”
Es entsteht ein Teufelskreis (zirkuläre Kausalität): Verschließen → Kritik → Verschließen → Kritik. Beide erleben ihr eigenes Verhalten als Reaktion und das des anderen als Auslöser. Watzlawick zeigt, dass es in solchen Kreisläufen keinen objektiven Anfangspunkt gibt — die Frage „Wer hat angefangen?” ist kommunikationstheoretisch nicht beantwortbar. Der Versuch, einen linearen Anfang zu bestimmen, verschärft den Konflikt.
Schritt 3: Analyse mit dem zweiten Axiom und Lösungsansatz (c)
Warum das Gespräch scheitert: Auf der Inhaltsebene geht es um einen konkreten Wunsch: mehr über Gefühle sprechen. Doch die Beziehungsebene dominiert und überlagert den Inhalt. Beide Partner verhandeln implizit die Frage: „Wer ist schuld?” und „Wer hat das Recht, den anderen zu kritisieren?” Die Beziehungsbotschaften lauten: A vermittelt „Du bist emotional unzugänglich”, B vermittelt „Du bist übergriffig.” Da der Beziehungsaspekt nach Watzlawick bestimmt, wie der Inhalt verstanden wird, kann die sachliche Ebene nicht erreicht werden, solange die Beziehungsebene ungeklärt ist.
Lösungsansatz: Eine Metakommunikation — also Kommunikation über die Kommunikation — könnte den Teufelskreis durchbrechen. Beide Partner müssten die Ebene wechseln und über das Muster ihres Gesprächs sprechen statt über dessen Inhalt. Ein Beispiel: „Mir fällt auf, dass wir immer im selben Kreislauf landen: Ich fordere mehr Nähe, du ziehst dich zurück, und wir geben uns gegenseitig die Schuld. Können wir über dieses Muster sprechen?” Durch die Metakommunikation wird die zirkuläre Interpunktion sichtbar gemacht und die Beziehungsebene explizit verhandelt.
Ergebnis
| Aspekt | Analyse |
|---|---|
| Axiom 3 (Interpunktion) | Teufelskreis: A interpunktiert „Schweigen → Kritik”, B interpunktiert „Kritik → Schweigen” — kein objektiver Anfang |
| Axiom 2 (Inhalt/Beziehung) | Sachthema (Gefühle zeigen) wird durch Beziehungskonflikt (Schuldfrage) überlagert |
| Lösungsansatz | Metakommunikation: das Gesprächsmuster selbst zum Thema machen |