Fortgeschritten Komplexaufgabe 15 Punkte ~30 Min. Natur & Technik

Zeitdilatation — Rechnen mit der Lorentz-Formel

Aufgabenstellung

Ausgangspunkt

Szenario A — Raumschiff: Ein Raumschiff bewegt sich mit der Geschwindigkeit v=0,8cv = 0{,}8c relativ zur Erde. An Bord läuft eine hochpräzise Uhr. Zwei Zwillinge, Ana und Ben, sind zum Zeitpunkt des Starts gleich alt (20 Jahre). Ben bleibt auf der Erde, Ana fliegt mit dem Raumschiff.

Szenario B — Myonen: Bei der Wechselwirkung kosmischer Strahlung mit der Erdatmosphäre entstehen in einer Höhe von h=10  kmh = 10\;\mathrm{km} Myonen. Im Ruhesystem des Myons beträgt die mittlere Lebensdauer τ0=2,2  μs\tau_0 = 2{,}2\;\mathrm{\mu s}. Die Myonen bewegen sich mit vμ=0,998cv_\mu = 0{,}998\,c in Richtung Erdoberfläche.

Gegebene Größen: c=3,00108  m/sc = 3{,}00 \cdot 10^8\;\mathrm{m/s}, v=0,8cv = 0{,}8c, vμ=0,998cv_\mu = 0{,}998c, τ0=2,2  μs\tau_0 = 2{,}2\;\mathrm{\mu s}, h=10  kmh = 10\;\mathrm{km}

Aufgaben

  • (a) Berechne den Lorentzfaktor γ\gamma für v=0,8cv = 0{,}8c. Wie viel Zeit vergeht für den Erdbeobachter (Ben), wenn Anas Borduhr t0=1  Jahrt_0 = 1\;\mathrm{Jahr} anzeigt? (5 BE)

  • (b) Erkläre das Zwillingsparadoxon: Welcher Zwilling ist nach Anas Rückkehr jünger — und warum ist das kein Widerspruch zum Relativitätsprinzip? (4 BE)

  • (c) Berechne für die Myonen: (i) Welche Strecke legen sie klassisch (ohne Relativitätstheorie) während ihrer mittleren Lebensdauer zurück? (ii) Berechne den Lorentzfaktor γμ\gamma_\mu für vμ=0,998cv_\mu = 0{,}998c und die aus Sicht der Erde verlängerte Lebensdauer τ\tau'. Erkläre, warum Myonen trotz ihrer kurzen Eigenlebensdauer die Erdoberfläche erreichen. (6 BE)

Lösungsweg

Schritt 1: Lorentzfaktor und Zeitdilatation (a)

Lorentzfaktor für v=0,8cv = 0{,}8c:

γ=11v2c2=11(0,8)2=110,64=10,36=10,6\gamma = \frac{1}{\sqrt{1 - \dfrac{v^2}{c^2}}} = \frac{1}{\sqrt{1 - (0{,}8)^2}} = \frac{1}{\sqrt{1 - 0{,}64}} = \frac{1}{\sqrt{0{,}36}} = \frac{1}{0{,}6}

γ=531,667\boxed{\gamma = \frac{5}{3} \approx 1{,}667}

Zeitdilatation: Anas Borduhr zeigt die Eigenzeit t0=1  Jahrt_0 = 1\;\mathrm{Jahr}. Ben misst die koordinatenzeitliche Dauer:

t=γt0=531  Jahr=53  Jahre1  Jahr 8  Monatet' = \gamma \cdot t_0 = \frac{5}{3} \cdot 1\;\mathrm{Jahr} = \frac{5}{3}\;\mathrm{Jahre} \approx 1\;\mathrm{Jahr}\ 8\;\mathrm{Monate}

Auf der Erde sind also 1,667  Jahre\approx 1{,}667\;\mathrm{Jahre} vergangen, während an Bord nur 1  Jahr1\;\mathrm{Jahr} verstrichen ist. Anas Uhr geht aus Bens Sicht langsamer.

Schritt 2: Zwillingsparadoxon (b)

Welcher Zwilling ist jünger?

Ana ist nach der Rückkehr jünger als Ben. Quantitativ: Wenn der Flug (Hin- und Rückweg zusammen) nach Anas Uhr t0=20  Jahret_0 = 20\;\mathrm{Jahre} dauert, zeigt Bens Uhr auf der Erde t=γ20  Jahre=33,3  Jahret' = \gamma \cdot 20\;\mathrm{Jahre} = 33{,}3\;\mathrm{Jahre}. Ana ist dann 40 Jahre alt, Ben 53 Jahre — ein realer, messbarer Altersunterschied.

Kein Widerspruch zum Relativitätsprinzip?

Das Relativitätsprinzip gilt nur für Inertialsysteme — also für Bezugssysteme in gleichförmiger, unbeschleunigter Bewegung. Ana muss am fernen Stern abbremsen, umkehren und wieder beschleunigen. Dieser Umkehrvorgang ist eine Beschleunigung, die das Relativitätsprinzip bricht: Ana ist nicht in einem einzigen Inertialsystem. Ben dagegen bleibt die ganze Zeit (näherungsweise) in einem Inertialsystem auf der Erde.

Die Situation ist also asymmetrisch: Ana erfährt eine Beschleunigung, Ben nicht. Deshalb ist Bens Messen von Anas langsamerer Uhr nicht durch eine ebenso berechtigte Gegenrechnung aufhebbar. Das Paradoxon löst sich auf, wenn man die Beschleunigungsphase korrekt (mit der Allgemeinen Relativitätstheorie oder dem relativistischen Dopplereffekt) berücksichtigt — das Ergebnis ist eindeutig: Ana kehrt jünger zurück.

Schritt 3: Myonen — klassisch und relativistisch (c)

Teil (i): Klassische Weglänge

Ohne Relativitätstheorie legt ein Myon während seiner Eigenlebensdauer τ0=2,2  μs\tau_0 = 2{,}2\;\mathrm{\mu s} zurück:

sklass=vμτ0=0,9983,00108  m/s2,2106  ss_{\text{klass}} = v_\mu \cdot \tau_0 = 0{,}998 \cdot 3{,}00 \cdot 10^8\;\mathrm{m/s} \cdot 2{,}2 \cdot 10^{-6}\;\mathrm{s}

sklass=2,994108  m/s2,2106  s659  ms_{\text{klass}} = 2{,}994 \cdot 10^8\;\mathrm{m/s} \cdot 2{,}2 \cdot 10^{-6}\;\mathrm{s} \approx 659\;\mathrm{m}

Klassisch könnten Myonen also nur 659  m\approx 659\;\mathrm{m} weit gelangen — weit weniger als die 10  km10\;\mathrm{km} bis zur Erdoberfläche. Klassisch dürften wir keine Myonen am Boden messen.

Teil (ii): Relativistische Rechnung

Lorentzfaktor für vμ=0,998cv_\mu = 0{,}998c:

γμ=11(0,998)2=110,996004=10,003996\gamma_\mu = \frac{1}{\sqrt{1 - (0{,}998)^2}} = \frac{1}{\sqrt{1 - 0{,}996004}} = \frac{1}{\sqrt{0{,}003996}}

γμ=10,0632215,8\gamma_\mu = \frac{1}{0{,}06322} \approx 15{,}8

Verlängerte Lebensdauer aus Sicht des Erdbeobachters (Zeitdilatation):

τ=γμτ0=15,82,2  μs34,8  μs\tau' = \gamma_\mu \cdot \tau_0 = 15{,}8 \cdot 2{,}2\;\mathrm{\mu s} \approx 34{,}8\;\mathrm{\mu s}

Zurückgelegte Strecke in dieser Zeit:

srel=vμτ=0,9983,00108  m/s34,8106  s10  430  m10,4  kms_{\text{rel}} = v_\mu \cdot \tau' = 0{,}998 \cdot 3{,}00 \cdot 10^8\;\mathrm{m/s} \cdot 34{,}8 \cdot 10^{-6}\;\mathrm{s} \approx 10\;430\;\mathrm{m} \approx 10{,}4\;\mathrm{km}

Das Myon erreicht also die Erdoberfläche — die Zeitdilatation verlängert seine aus Erdperspektive gemessene Lebensdauer von 2,2  μs2{,}2\;\mathrm{\mu s} auf 34,8  μs34{,}8\;\mathrm{\mu s}, was ausreicht, um 10  km10\;\mathrm{km} zurückzulegen.

Alternative Erklärung aus Sicht des Myons (Längenkontraktion): Im Ruhesystem des Myons ist die Lebensdauer τ0=2,2  μs\tau_0 = 2{,}2\;\mathrm{\mu s} korrekt, aber die Atmosphäre bewegt sich auf das Myon zu. Die Dicke der Atmosphäre ist aufgrund der Längenkontraktion auf

h=hγμ=10  km15,80,63  km=630  mh' = \frac{h}{\gamma_\mu} = \frac{10\;\mathrm{km}}{15{,}8} \approx 0{,}63\;\mathrm{km} = 630\;\mathrm{m}

verkürzt. Das Myon schafft 630  m630\;\mathrm{m} in 2,2  μs2{,}2\;\mathrm{\mu s} bei v=0,998cv = 0{,}998c — passt! Beide Sichtweisen (Zeitdilatation für den Erdbeobachter; Längenkontraktion für das Myon) führen zum selben physikalischen Ergebnis: Das Myon erreicht die Erdoberfläche. Das zeigt die innere Konsistenz der Speziellen Relativitätstheorie.

Ergebnis

TeilaufgabeErgebnis
(a) Lorentzfaktor γ\gamma bei v=0,8cv = 0{,}8cγ=5/31,667\gamma = 5/3 \approx 1{,}667
(a) Erdzeit für 1 Jahr Bordzeitt1,667  Jahret' \approx 1{,}667\;\mathrm{Jahre}
(b) Jüngerer ZwillingAna (Reisende), weil sie beschleunigt hat
(c) Klassische Myon-Reichweitesklass659  ms_{\text{klass}} \approx 659\;\mathrm{m}
(c) γμ\gamma_\mu bei v=0,998cv = 0{,}998cγμ15,8\gamma_\mu \approx 15{,}8
(c) Relativistische Lebensdauerτ34,8  μs\tau' \approx 34{,}8\;\mathrm{\mu s}
(c) Relativistische Reichweitesrel10,4  kms_{\text{rel}} \approx 10{,}4\;\mathrm{km} — Erdoberfläche wird erreicht

Schlagwörter

relativitaetstheoriezeitdilatationlorentzfaktormyonenzwillingsparadoxon