Fortgeschritten · ~14 Min.
Pragmatik – Was Sprache tut, nicht nur sagt
Lernziele
- Lokution, Illokution und Perlokution eines Sprechakts bestimmen
- Direkte und indirekte Sprechakte unterscheiden
- Die vier Griceschen Maximen erklären und Implikaturen ableiten
- Kontext und Deixis als pragmatische Grundbegriffe erläutern
Vorwissen empfohlen: Kommunikationsmodelle verstehen , Sprachtheorie: Denken, Wandel und Debatte
Einführung
„Kannst du das Fenster öffnen?” – Grammatisch ist das eine Ja/Nein-Frage. Pragmatisch ist es eine Bitte. Wer antwortet: „Ja, ich kann” – und nichts tut – hat die Frage korrekt, aber kommunikativ falsch beantwortet.
Pragmatik ist die Wissenschaft davon, was Sprache tut, nicht nur sagt. Sie untersucht, wie Kontext, Absicht und soziale Regeln bestimmen, was eine Äußerung bedeutet – jenseits des Wörtlichen.
Pragmatik im Alltag
Pragmatik erklärt, warum „Es zieht hier” eine Bitte ist, warum Ironie funktioniert und warum manche Entschuldigungen keine sind. Sie beschreibt die unsichtbaren Regeln der Kommunikation.
Grundidee
Sprache hat zwei Ebenen: was gesagt wird (der Satz, die Wörter) – und was getan wird (die Handlung, die dahintersteckt). „Ich erkläre euch die Ehe für geschlossen” ist kein Satz, der Wirklichkeit beschreibt – er schafft sie. Sprache als Handlung: das ist der Kern der Pragmatik.
Erklärung
Sprechakttheorie: Austin und Searle
Der Philosoph John Austin entwickelte in den 1950ern die Sprechakttheorie. Er erkannte: Viele Sätze sind keine Beschreibungen, sondern Handlungen.
Austin unterschied drei Ebenen jedes Sprechakts (sein Schüler John Searle baute die Theorie später systematisch aus):
Lokution – Was wird gesagt? Die sprachliche Form der Äußerung.
„Es ist kalt in diesem Raum.”
Illokution – Was wird getan? Die kommunikative Absicht hinter der Äußerung.
Beschwerde? Bitte, das Fenster zu schließen? Konstatierung?
Perlokution – Was wird bewirkt? Der tatsächliche Effekt beim Hörer.
Der Hörer steht auf und schließt das Fenster.
Merke
Direkte und indirekte Sprechakte
Direkter Sprechakt: Form und Funktion stimmen überein.
„Schließ das Fenster!” – Imperativ = Aufforderung. ✓
Indirekter Sprechakt: Form und Funktion stimmen nicht überein.
„Es zieht hier.” – Aussagesatz, aber Funktion: Bitte. „Könntest du vielleicht …?” – Frage, aber Funktion: höfliche Aufforderung.
Indirekte Sprechakte dominieren höfliche Kommunikation. Sie lassen dem Gegenüber Spielraum – er kann so tun, als ob er die Bitte nicht verstanden hat.
Das Kooperationsprinzip: Grice
Der Philosoph Paul Grice postulierte (1975): Kommunikation funktioniert, weil Sprecher und Hörer implizit kooperieren. Dieses Kooperationsprinzip konkretisiert er in vier Maximen:
| Maxime | Inhalt |
|---|---|
| Quantität | Sag nicht mehr und nicht weniger als nötig. |
| Qualität | Sag nur, was du für wahr hältst. Behaupte nichts ohne Belege. |
| Relevanz | Sag nur, was für den Gesprächszweck relevant ist. |
| Modalität | Sei klar, geordnet, eindeutig. Vermeide Ambiguität. |
Wenn ein Sprecher eine Maxime scheinbar verletzt, schlussfolgert der Hörer, dass es eine Absicht dahintersteckt – und leitet eine Implikatur ab.
Beispiel: Auf die Frage „Wie war das Konzert?” antwortet jemand: „Das Ensemble hat professionelle Kostüme getragen.” – Er verletzt die Relevanz-Maxime. Der Hörer schlussfolgert: Das Konzert war musikalisch schlecht.
Häufiger Irrtum
Richtig ist
Implikatur ist jede mitgemeinte Bedeutung, die über das Gesagte hinausgeht – Ironie ist nur ein Spezialfall. Eine Implikatur kann auch positiv oder neutral sein: 'Ich habe noch nicht gegessen' impliziert 'Ich hätte gerne etwas'.
Höflichkeit und das Face-Konzept
Erving Goffman und dann Penelope Brown/Stephen Levinson entwickelten das Face-Konzept: Jede Person hat ein soziales „Gesicht” – das Bedürfnis nach Anerkennung (positives Face) und Autonomie (negatives Face).
Kommunikation bedroht dieses Gesicht ständig: Bitten schränken Autonomie ein; Kritik bedroht Anerkennung. Daher gibt es Face-Saving-Strategien:
- Indirekte Aufforderungen statt Befehle
- Abschwächungen und Einschränkungen: „Wenn es dir nichts ausmacht …”
- Vorwegnahme von Ablehnung: „Das ist vielleicht zu viel verlangt, aber …”
Höflichkeit ist kein Luxus – sie ist ein kommunikatives System zum Schutz sozialer Beziehungen.
Kontext und Deixis
Deixis beschreibt Ausdrücke, die nur im Kontext verständlich sind:
- Personal-Deixis: „ich”, „du”, „wir” – wer ist gemeint?
- Lokal-Deixis: „hier”, „dort”, „da drüben”
- Temporal-Deixis: „jetzt”, „gestern”, „dann”
- Objekt-Deixis: „dieses”, „jenes”, „das hier”
Ohne Kontext sind Sätze wie „Ich komme jetzt dort an” nicht interpretierbar. Deixis macht deutlich: Sprache ist keine abstrakte Struktur, sondern immer an eine Situation gebunden.
Beispiel aus dem Alltag
Eine Mutter sagt beim Abendessen zu ihrem Kind: „Es ist schon 21 Uhr.” – Lokution: Zeitaussage. Illokution: Aufforderung, ins Bett zu gehen. Perlokution (erhofft): Das Kind geht.
Eine politische Debatte: „Ich möchte nur festhalten …” – scheinbar neutrale Einleitung, aber Illokution oft: Kritik ankündigen, ohne sie direkt auszusprechen. Face-Saving in Aktion.
Anwendung
Aufgabe: Analysiere folgenden Dialog pragmatisch.
A: „Hast du schon das Geschirr gespült?” B: „Ich war heute den ganzen Tag in der Bibliothek.”
- Welcher Illokutionstyp liegt in As Frage vor? Nur Frage oder auch etwas anderes?
- Welche Gricesche Maxime verletzt B scheinbar? Welche Implikatur leitet A daraus ab?
- Handelt es sich bei Bs Antwort um einen direkten oder indirekten Sprechakt?
Typische Fehler
„Implikatur ist, was jemand meint.” Implikatur ist das, was aus der Verletzung einer Kommunikationsmaxime erschlossen wird – nicht schlicht „die wahre Meinung”. Sie entsteht durch kooperatives Schlussfolgern.
„Pragmatik erklärt alles durch Absicht.” Pragmatik berücksichtigt auch Kontext, soziale Normen, Beziehungen und kulturelle Regeln. Absicht allein reicht nicht – Perlokution hängt auch vom Hörer ab.
„Direkte Sprechakte sind besser als indirekte.” Indirektheid ist keine Schwäche – sie ist eine soziale Strategie. Höflichkeit, Ambiguität und Spielraum haben kommunikative Funktionen.
Zusammenfassung
Merke dir:
- Sprechakte haben drei Ebenen: Lokution (was gesagt wird), Illokution (was getan wird), Perlokution (was bewirkt wird).
- Direkte Sprechakte stimmen in Form und Funktion überein; indirekte nicht – Ironie, Bitten als Fragen, Höflichkeit.
- Grices Maximen (Quantität, Qualität, Relevanz, Modalität) beschreiben die impliziten Regeln kooperativer Kommunikation.
- Implikaturen entstehen, wenn Maximen scheinbar verletzt werden – der Hörer schlussfolgert eine mitgemeinte Bedeutung.
- Das Face-Konzept erklärt Höflichkeitsstrategien als Schutz sozialer Identität.
- Deixis macht deutlich: Sprache ist immer kontextgebunden – ohne Situation ist sie unvollständig.
Quiz
Frage 1: Was ist der Unterschied zwischen Illokution und Perlokution?
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Illokution ist die kommunikative Absicht des Sprechers – was er mit der Äußerung tun will (warnen, bitten, versprechen). Perlokution ist der tatsächliche Effekt beim Hörer – was die Äußerung bewirkt (Angst, Kooperation, Ablehnung). Illokution liegt beim Sprecher, Perlokution beim Hörer.
Frage 2: Erkläre anhand eines Beispiels, wie eine Implikatur entsteht.
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Beispiel: „Wie war das Essen?” – „Ich bin satt geworden.” – Die Antwort verletzt die Relevanz-Maxime (sie beantwortet nicht die Frage nach der Qualität). Deshalb schlussfolgert der Hörer: Das Essen war schlecht, aber der Sprecher will nicht direkt kritisieren. Diese Schlussfolgerung ist die Implikatur.
Frage 3: Was ist Deixis und warum ist sie für die Pragmatik wichtig?
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Deixis bezeichnet sprachliche Ausdrücke, die nur im Kontext verstanden werden können: „ich”, „hier”, „jetzt”, „dieses”. Sie zeigen, dass Sprache immer an eine Situation gebunden ist. Ohne Kontext (wer spricht? wo? wann?) sind diese Ausdrücke nicht interpretierbar – Pragmatik untersucht genau diese Kontextabhängigkeit.
Frage 4: Warum verwenden Menschen indirekte statt direkte Sprechakte?
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Indirekte Sprechakte schützen das „Face” beider Gesprächspartner. Eine Bitte als Frage formuliert lässt dem Gegenüber Spielraum, ohne direkten Druck. Höflichkeit, Abschwächung und Vagheit sind soziale Strategien, die Beziehungen schonen und Konflikte vermeiden.