Kapitel 1 von 8

Fortgeschritten · ~15 Min.

Kernfusion – Die Energie der Sterne

Lernziele

  • Die Bindungsenergie-Kurve interpretieren und Fusion von Spaltung unterscheiden
  • Die D-T-Reaktion aufschreiben und die freigesetzte Energie berechnen
  • Die Coulomb-Barriere und das Lawson-Kriterium qualitativ erläutern
  • Den aktuellen Stand der Fusionsforschung (ITER) einordnen

Vorwissen empfohlen: Kernphysik und Wechselwirkung von Strahlung mit Materie verstehen , Energie - die Währung der Physik

Einführung

Die Sonne strahlt seit 4,6 Milliarden Jahren – mit einer Leistung von 3,8⋅1026  W3{,}8 \cdot 10^{26}\;\mathrm{W}. Die Energiequelle: Kernfusion. In ihrem Kern verschmelzen Wasserstoffkerne bei Temperaturen von ≈15\approx 15 Millionen Kelvin zu Helium und setzen dabei Energie frei. Auf der Erde versuchen Wissenschaftler seit den 1950er Jahren, diesen Prozess zu kontrollieren – mit dem Versprechen nahezu unbegrenzter, sauberer Energie.

Warum ist das so schwer? Atomkerne sind positiv geladen und stoßen sich ab. Um sie zur Fusion zu zwingen, muss man die elektrostatische Abstoßung überwinden – das erfordert extreme Bedingungen, die bisher nur in Sternen natürlich erreicht werden.

Grundidee

Stell dir vor, du hast zwei Bälle, die sich gegenseitig abstoßen (wie gleichnamige Magnete). Um sie zusammenzubringen, musst du sehr viel Kraft aufwenden. Wenn sie aber erst einmal nah genug beieinander sind, greift eine andere, viel stärkere Kraft – die Kernkraft – und zieht sie zusammen. Dabei wird enorm viel Energie freigesetzt.

Das Entscheidende: Der zusammengesetzte neue Kern ist leichter als die Summe seiner Bestandteile. Diese „fehlende Masse” erscheint nach E=mc2E = mc^2 als freigesetzte Energie. Weil c2c^2 so riesig ist, steckt selbst in winzigen Masseunterschieden enorm viel Energie.

Erklärung

Bindungsenergie pro Nukleon

Die Bindungsenergie EBE_B ist die Energie, die man aufwenden müsste, um einen Kern vollständig in seine einzelnen Protonen und Neutronen zu zerlegen. Dividiert man EBE_B durch die Anzahl der Nukleonen (Massenzahl AA), erhält man die Bindungsenergie pro Nukleon – ein Maß für die Stabilität des Kerns.

Diese Größe zeigt als Funktion von AA einen charakteristischen Verlauf:

  • Für sehr leichte Kerne (HH, HeHe): niedrig, steigt steil an
  • Maximum bei Eisen (2656Fe^{56}_{26}\mathrm{Fe}): ≈8,8  MeV/Nukleon\approx 8{,}8\;\mathrm{MeV/Nukleon} – der stabilste Kern
  • Für schwere Kerne (UU, ThTh): leicht abfallend, ≈7,6  MeV/Nukleon\approx 7{,}6\;\mathrm{MeV/Nukleon}

Konsequenz: Energie wird frei, wenn man sich in Richtung Eisen bewegt:

  • Fusion leichter Kerne (links vom Maximum): verschmelzen → stabilerer Kern → Energie frei
  • Spaltung schwerer Kerne (rechts vom Maximum): spalten → stabilere Bruchstücke → Energie frei
Fusion leichter und Spaltung schwerer Kerne setzen Energie frei, weil beide zu Kernen mit höherer Bindungsenergie pro Nukleon führen.

Die D-T-Reaktion

Die vielversprechendste Fusionsreaktion für technische Anwendungen ist die Deuterium-Tritium-Reaktion:

12H+13H→24He+01n+17,6  MeV{}^2_1\mathrm{H} + {}^3_1\mathrm{H} \to {}^4_2\mathrm{He} + {}^1_0\mathrm{n} + 17{,}6\;\mathrm{MeV}

  • Deuterium (2H{}^2\mathrm{H}, „schwerer Wasserstoff”): natürlich im Meerwasser vorhanden (1 von 6400 Wasserstoffatomen), praktisch unbegrenzt verfügbar
  • Tritium (3H{}^3\mathrm{H}): radioaktiv, kurzlebig (T1/2=12,3  JahreT_{1/2} = 12{,}3\;\mathrm{Jahre}); entsteht durch Bestrahlung von Lithium-6 mit Neutronen – kann im Reaktor selbst „erbrütet” werden
  • Helium-4: stabiles, unschädliches Edelgas
  • Neutron: trägt ≈80  %\approx 80\;\% der freien Energie (14,1  MeV14{,}1\;\mathrm{MeV}), heizt die Reaktorwand

Die freien 17,6  MeV17{,}6\;\mathrm{MeV} entstehen durch den Massedefekt:

Δm=m(2H)+m(3H)−m(4He)−mn\Delta m = m({}^2\mathrm{H}) + m({}^3\mathrm{H}) - m({}^4\mathrm{He}) - m_n

Δm≈3,131⋅10−29  kg\Delta m \approx 3{,}131 \cdot 10^{-29}\;\mathrm{kg}

ΔE=Δm⋅c2≈3,131⋅10−29⋅(3⋅108)2  J≈2,82⋅10−12  J=17,6  MeV\Delta E = \Delta m \cdot c^2 \approx 3{,}131 \cdot 10^{-29} \cdot (3 \cdot 10^8)^2\;\mathrm{J} \approx 2{,}82 \cdot 10^{-12}\;\mathrm{J} = 17{,}6\;\mathrm{MeV}

Energie aus 1 Gramm Fusionskraftstoff

Aus 1 g D-T-Gemisch ließen sich bei vollständiger Fusion ≈94  GJ\approx 94\;\mathrm{GJ} gewinnen – äquivalent zu ≈23  t\approx 23\;\mathrm{t} Steinkohle. Das zeigt das enorme Energiepotenzial der Fusion.

Coulomb-Barriere und nötige Temperatur

Bevor zwei positiv geladene Kerne fusionieren können, müssen sie die Coulomb-Barriere überwinden – die elektrostatische Abstoßung zwischen ihren Protonladungen. Diese Barriere liegt bei Abständen von ≈10−15  m\approx 10^{-15}\;\mathrm{m} (Kerngröße) bei mehreren MeV.

Klassisch müsste man die Kerne auf Temperaturen von ≈1010  K\approx 10^{10}\;\mathrm{K} erhitzen. Dank Quantentunneln ist es möglich, dass Kerne die Barriere mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch unterschreiten – daher reicht in der Praxis (und in der Sonne) eine Temperatur von ≈107  K\approx 10^7\;\mathrm{K} für die solare Proton-Proton-Kette. Für die D-T-Reaktion sind etwa 100100 Millionen Kelvin optimale Bedingungen.

Bei solchen Temperaturen ist jede Materie vollständig ionisiert – ein Plasma aus freien Elektronen und Kernen.

Plasmaeinschluss

Das heiße Plasma darf die Reaktorgefäßwände nicht berühren (sofortige Abkühlung + Wandschäden). Es gibt zwei Hauptansätze:

Magnetischer Einschluss (Tokamak): Das Plasma wird in einem torusförmigen Behälter durch starke Magnetfelder eingeschlossen. Die Feldlinien verlaufen spiralförmig; das Plasma dreht sich entlang dieser Linien ohne die Wand zu berühren. Das Magnetfeld kann kein Material ersetzen – es hält das Plasma durch die Lorentzkraft auf Kreisbahnen.

Trägheitsfusion (ICF): Ein kleines D-T-Pellet wird von allen Seiten gleichzeitig mit Hochleistungslasern beschossen. Die äußere Schicht verdampft explosiv (Ablation), der Rückstoß komprimiert den Kern auf extrem hohe Dichten und Temperaturen – kurze Zündzeit, bevor das Plasma auseinanderfliegt.

Lawson-Kriterium

John Lawson formulierte 1955 die Bedingung für eine energetisch positive Fusion (mehr Energie heraus als hinein): Das Produkt aus Plasmadichte nn und Einschlusszeit τ\tau muss einen Schwellwert überschreiten:

n⋅τ≥nτLawsonn \cdot \tau \geq n\tau_{\text{Lawson}}

Für D-T bei 100  Mio. K100\;\mathrm{Mio.\,K} gilt: n⋅τ≳1020  s/m3n \cdot \tau \gtrsim 10^{20}\;\mathrm{s/m^3}. Dieses Zündbedingungskriterium lässt sich entweder durch hohe Dichte bei kurzer Einschlusszeit (Trägheitsfusion) oder durch moderate Dichte bei langer Einschlusszeit (Tokamak) erfüllen.

Merke

Fusion setzt Energie frei, weil der Massedefekt (Δm\Delta m) nach E=Δm⋅c2E = \Delta m \cdot c^2 in kinetische Energie der Reaktionsprodukte umgewandelt wird. Die größte technische Herausforderung ist nicht die Reaktion selbst, sondern das Halten des 10810^8-K-heißen Plasmas lang genug, um das Lawson-Kriterium zu erfüllen.

Beispiel aus dem Alltag

ITER – der Weg zum Fusionskraftwerk

ITER (lateinisch: „der Weg”) ist ein internationales Fusionsexperiment in Cadarache, Frankreich, das von 35 Staaten gemeinsam gebaut wird. Es ist ein Tokamak mit einem Plasmavolumen von 840  m3840\;\mathrm{m^3} und supraleitenden Magneten, die ein Feld von 5,3  T5{,}3\;\mathrm{T} erzeugen. ITER soll erstmals ein Q-Faktor von 10 erreichen: 10-fache Ausgangsleistung gegenüber der Heizleistung (500  MW500\;\mathrm{MW} aus 50  MW50\;\mathrm{MW} Heizung). Damit wäre der Nachweis der physikalischen Machbarkeit erbracht, aber noch kein kommerzielles Kraftwerk. Der Folger DEMO soll erstmals Strom ins Netz liefern – geplant für die 2050er Jahre.

Anwendung

Vergleich Fusion vs. Spaltung

EigenschaftKernspaltungKernfusion
BrennstoffUran-235, Plutonium-239Deuterium, Tritium
Verfügbarkeitbegrenzt (Uranreserven)Deuterium: nahezu unbegrenzt
Radioaktiver Abfalllanglebig (10.000+ Jahre)kurzlebig (aktivierter Stahl, ~100 Jahre)
Kettenreaktionmöglich (Kritikalität)keine Kettenreaktion möglich
UnfallszenarioKernschmelze möglichkein „Durchgehen” – Plasma kühlt ab
Energiedichte∼80  GJ/kg\sim 80\;\mathrm{GJ/kg} (U-235 vollständig gespalten)∼340  GJ/kg\sim 340\;\mathrm{GJ/kg} (D-T-Gemisch)

Typische Fehler

Häufiger Irrtum

Ein Fusionskraftwerk könnte explodieren wie eine Wasserstoffbombe.

Richtig ist

In einem Fusionsreaktor befinden sich zu jedem Zeitpunkt nur wenige Gramm Brennstoff im Plasma – nicht genug für eine unkontrollierte Kettenreaktion. Jede Störung kühlt das Plasma ab und die Fusion stoppt sofort. Die Wasserstoffbombe nutzt eine unkontrollierte, explosive Fusion – ein Fusionskraftwerk arbeitet mit stationärem, kontrolliertem Plasma.

„Fusion ist einfacher als Spaltung, weil die Sonne es seit Milliarden Jahren macht.” Die Sonne nutzt die sehr langsame Proton-Proton-Kette (typische Reaktionszeit eines Protons: ≈1010\approx 10^{10} Jahre!) und profitiert von ihrer gigantischen Masse (gravitativer Einschluss). Auf der Erde müssen wir mit dem schnelleren D-T-Prozess arbeiten und das Plasma durch Magnetfelder einschließen – eine technisch extrem anspruchsvolle Aufgabe.

Zusammenfassung

Merke dir:

  • Fusion leichter Kerne und Spaltung schwerer Kerne setzen Energie frei, weil die Produkte näher am Energiemaximum bei Eisen liegen.
  • Die D-T-Reaktion setzt 17,6  MeV17{,}6\;\mathrm{MeV} frei und ist die Grundlage der Fusionsforschung.
  • Die Coulomb-Barriere erfordert Temperaturen von ≈108  K\approx 10^8\;\mathrm{K} – das Material ist dann vollständig ionisiertes Plasma.
  • Magnetischer Einschluss (Tokamak) und Trägheitsfusion sind die zwei Hauptpfade zur Energiegewinnung.
  • Das Lawson-Kriterium: n⋅τ≳1020  s/m3n \cdot \tau \gtrsim 10^{20}\;\mathrm{s/m^3} für energetisch positive D-T-Fusion.
  • Vorteile gegenüber Spaltung: reichlich Brennstoff, kein langlebiger Atommüll, keine Kettenreaktion möglich.

Quiz

Frage 1: Warum liegt das Maximum der Bindungsenergie pro Nukleon bei Eisen und nicht bei Wasserstoff oder Uran?

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Bei leichten Kernen überwiegt die Reichweitenbegrenzung der Kernkraft: Es gibt wenige Nachbar-Nukleonen, die sich gegenseitig halten. Bei schwereren Kernen nimmt die Coulomb-Abstoßung der vielen Protonen zu und schwächt die Bindung. Bei Eisen ist das Gleichgewicht optimal – weder zu wenig Kernkraft-Bindungen noch zu viel Coulomb-Abstoßung. Eisenkerne können weder durch Fusion noch durch Spaltung Energie abgeben.

Frage 2: Warum verwendet die Fusionsforschung Deuterium und Tritium statt normalen Wasserstoffs?

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Die D-T-Reaktion hat bei den erreichbaren Plasma-Temperaturen (≈108  K\approx 10^8\;\mathrm{K}) einen deutlich höheren Reaktionsquerschnitt (Reaktionswahrscheinlichkeit) als die Proton-Proton-Kette. Die p-p-Reaktion der Sonne ist extrem langsam – auf der Erde zu langsam für ein praktikables Kraftwerk. D-T reagiert bei niedrigeren Temperaturen schnell genug und setzt mit 17,6  MeV17{,}6\;\mathrm{MeV} viel Energie frei.

Frage 3: Was ist der Unterschied zwischen Tokamak und Trägheitsfusion?

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Tokamak: Das Plasma wird durch starke Magnetfelder in einem Torus eingeschlossen (magnetischer Einschluss). Niedrige Dichte, aber lange Einschlusszeit. ITER ist ein Tokamak. Trägheitsfusion: Ein kleines Brennstoff-Pellet wird durch Laser von allen Seiten gleichzeitig beschossen und implodiert zu extrem hoher Dichte – der Einschluss erfolgt durch die Trägheit des Materials selbst, bevor es auseinanderfliegrt. Hohe Dichte, aber sehr kurze Zeit (Nanosekunden). NIF (USA) nutzt dieses Prinzip und hat 2022 erstmals Ignition erreicht.

Frage 4: Wieso ist Tritium für die Fusionsforschung problematisch?

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Tritium ist radioaktiv (Beta-Strahler, T1/2=12,3  JahreT_{1/2} = 12{,}3\;\mathrm{Jahre}) und kommt natürlich nur in Spuren vor. Es muss im Reaktor aus Lithium-6 erbrütet werden: 36Li+n→24He+13H{}^6_3\mathrm{Li} + n \to {}^4_2\mathrm{He} + {}^3_1\mathrm{H}. Der Neutronenfluss aus der D-T-Reaktion soll dafür sorgen – die sogenannte Tritium-Brutmantel-Technologie muss aber erst ausgereift werden. Außerdem ist Tritium als radioaktives Wasserstoffisotop schwer zu handhaben und kann durch Behälterwände diffundieren.

Schlüsselwörter

  • bindungsenergie
  • nukleon
  • fusion
  • kernspaltung
  • coulomb barriere
  • plasma
  • tokamak
  • lawson kriterium
  • deuterium
  • tritium