Kapitel 1 von 8

Fortgeschritten · ~30 Min.

Hypothesentests

Lernziele

  • Null- und Alternativhypothese formulieren
  • einseitige Signifikanztests durchführen
  • Ablehnungsbereich und kritischen Wert bestimmen
  • Fehler 1. und 2. Art erklären und interpretieren

Vorwissen empfohlen: Binomialverteilung

Einführung

Eine Firma behauptet, ihre Produkte hätten höchstens 3 %3\,\% Ausschuss. Ein Prüfer findet in einer Stichprobe auffällig viele defekte Teile. Reicht das, um die Behauptung zu widerlegen – oder war es nur Zufall? Hypothesentests geben eine systematische Antwort auf diese Frage. Sie gehören zu den anspruchsvollsten, aber auch häufigsten Abi-Aufgaben in der Stochastik.

Grundidee

Stell dir einen Gerichtsprozess vor – Schritt für Schritt:

Der Angeklagte sitzt auf der Anklagebank. Im deutschen Recht gilt: Er ist unschuldig, bis das Gegenteil bewiesen ist. Das ist die Nullhypothese H0H_0.

Der Staatsanwalt will zeigen, dass der Angeklagte schuldig ist. Das ist die Alternativhypothese H1H_1.

Der Richter schaut sich die Beweise an. Nur wenn sie eindeutig genug sind (= das Signifikanzniveau α\alpha), wird verurteilt – also H0H_0 abgelehnt.

Wenn die Beweise nicht reichen? Dann wird der Angeklagte freigesprochen – aber das bedeutet NICHT, dass er unschuldig ist. Es bedeutet nur: Die Beweise reichten nicht aus.

Genau so funktioniert ein Hypothesentest:

Gericht                          Hypothesentest
─────────────────────────────    ──────────────────────────────
Angeklagter ist unschuldig   →   H₀: p ≤ p₀ (Annahme stimmt)
Staatsanwalt will Schuld     →   H₁: p > p₀ (Annahme falsch)
  beweisen
Beweise eindeutig genug?     →   Testergebnis im Ablehnungs-
                                   bereich?
Beweisstandard               →   Signifikanzniveau α
Verurteilung                 →   H₀ ablehnen
Freispruch                   →   H₀ beibehalten

Die Logik in einem Satz

Ein Hypothesentest prüft: Sind die Daten so ungewöhnlich, dass die Ausgangsannahme (H0H_0) nicht mehr haltbar ist?

Erklärung

Das 5-Schritte-Schema

Ein Signifikanztest folgt immer dem gleichen Schema. Dieses Schema löst jede Abi-Aufgabe:

5-Schritte-Schema für jeden Hypothesentest

Hypothesen aufstellen

H0H_0 = Die konservative Annahme (der „Status quo”, die „Unschuld”) H1H_1 = Was du zeigen willst (die „Schuld”)

TestrichtungH0H_0H1H_1Wann?
Rechtsseitigp≤p0p \leq p_0p>p0p > p_0Verdacht: pp ist größer geworden
Linksseitigp≥p0p \geq p_0p<p0p < p_0Verdacht: pp ist kleiner geworden

Signifikanzniveau α\alpha festlegen

α\alpha = maximale Wahrscheinlichkeit, H0H_0 fälschlicherweise abzulehnen.

  • α=0,05\alpha = 0{,}05 (5 %5\,\%) – Standard
  • α=0,01\alpha = 0{,}01 (1 %1\,\%) – strenger (weniger Fehlalarme, aber mehr übersehene Effekte)

In Worten: „Ich akzeptiere ein Risiko von 5 %, einen Unschuldigen zu verurteilen.”

Testgröße und Verteilung festlegen

Unter H0H_0 gilt X∼B(n;p0)X \sim B(n; p_0) mit:

  • nn = Stichprobenumfang
  • p0p_0 = der in H0H_0 angenommene Wert

Ablehnungsbereich bestimmen

Rechtsseitiger Test: Ablehnungsbereich {k,k+1,…,n}\{k, k+1, \ldots, n\}, wobei kk der kritische Wert ist:

k=kleinstes k mit P(X≥k)≤αk = \text{kleinstes } k \text{ mit } P(X \geq k) \leq \alpha

Näherung über die Sigma-Regel:

k≈n⋅p0+zα⋅n⋅p0⋅(1−p0)k \approx n \cdot p_0 + z_\alpha \cdot \sqrt{n \cdot p_0 \cdot (1-p_0)}

mit z0,05=1,645z_{0{,}05} = 1{,}645 und z0,01=2,326z_{0{,}01} = 2{,}326.

Linksseitiger Test: Ablehnungsbereich {0,1,…,k}\{0, 1, \ldots, k\}:

k≈n⋅p0−zα⋅n⋅p0⋅(1−p0)k \approx n \cdot p_0 - z_\alpha \cdot \sqrt{n \cdot p_0 \cdot (1-p_0)}

Entscheidung treffen

  • Liegt die Testgröße (beobachteter Wert) im Ablehnungsbereich → H0H_0 ablehnen
  • Liegt sie außerhalb → H0H_0 beibehalten (nicht „bewiesen”!)

Visualisierung des Ablehnungsbereichs (rechtsseitiger Test):

              H₀ beibehalten                │ H₀ ablehnen
  ◄━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━►
  0     10     20     30     40     50  [k]  60     70     80     90    100
                                         ↑
                                   kritischer Wert
                              ◄──────────────────►
                              Hier liegen nur ≤ α %
                              aller Ergebnisse unter H₀

In Worten: Alles rechts vom kritischen Wert ist so unwahrscheinlich unter H0H_0, dass wir sagen: „Das kann kein Zufall mehr sein.”

Fehler 1. und 2. Art

Zwei Arten von Fehlern – und warum beide wichtig sind

FehlerBeschreibungAnalog zum GerichtWahrscheinlichkeit
Fehler 1. Art (α\alpha-Fehler)H0H_0 wird abgelehnt, obwohl sie stimmtUnschuldiger wird verurteilt≤α\leq \alpha (kontrolliert)
Fehler 2. Art (β\beta-Fehler)H0H_0 wird beibehalten, obwohl sie falsch istSchuldiger wird freigesprochenabhängig vom wahren pp

Die vollständige Entscheidungstabelle:

                        Wahrheit
                  ┌─────────────┬──────────────┐
                  │ H₀ stimmt   │ H₀ ist falsch│
  ┌───────────────┼─────────────┼──────────────┤
  │ H₀ ablehnen  │ Fehler 1.Art│ RICHTIG  ✓   │
  │               │  (α-Fehler) │              │
  ├───────────────┼─────────────┼──────────────┤
  │ H₀ beibehal- │ RICHTIG  ✓  │ Fehler 2.Art │
  │ ten           │             │  (β-Fehler)  │
  └───────────────┴─────────────┴──────────────┘

Der Fehler 1. Art wird durch α\alpha kontrolliert. Der Fehler 2. Art hängt vom tatsächlichen (unbekannten) pp ab und ist schwerer zu kontrollieren.

Beispiel aus dem Alltag

Beispiel 1: Faire Münze?

Jemand behauptet, eine Münze sei fair (p=0,5p = 0{,}5). Du wirfst sie 100100-mal und erhältst 6161-mal Kopf. Ist die Münze gezinkt?

Hypothesen (rechtsseitig):

  • H0H_0: p≤0,5p \leq 0{,}5 (Münze ist fair oder begünstigt Zahl)
  • H1H_1: p>0,5p > 0{,}5 (Münze begünstigt Kopf)

Unter H0H_0: X∼B(100;  0,5)X \sim B(100; \; 0{,}5), also μ=50\mu = 50, σ=25=5\sigma = \sqrt{25} = 5.

Kritischer Wert bei α=0,05\alpha = 0{,}05:

k=50+1,645⋅5=58,225⇒k=59k = 50 + 1{,}645 \cdot 5 = 58{,}225 \Rightarrow k = 59

     H₀ beibehalten          │ H₀ ablehnen
  ◄━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━━►
  0    10    20    30    40  50    59    70    80    90   100
                             μ     ↑            ↑
                          kritisch         beobachtet: 61
                           (k=59)          → im Ablehnungsbereich!

Entscheidung: 61≥5961 \geq 59 → 6161 liegt im Ablehnungsbereich → H0H_0 wird abgelehnt.

Bei α=5 %\alpha = 5\,\% spricht das Ergebnis signifikant dafür, dass die Münze Kopf begünstigt.

Rechtsseitiger Test: Ergebnisse ab k = 59 sind unter H₀ so selten (höchstens α = 5 %), dass man H₀ ablehnt.

Beispiel 2: Wirkt das Medikament?

Ein neues Medikament soll die Heilungsrate von bisher 60 %60\,\% steigern. In einer Studie mit n=80n = 80 Patienten werden 5656 geheilt.

  • H0H_0: p≤0,60p \leq 0{,}60, H1H_1: p>0,60p > 0{,}60
  • μ=48\mu = 48, σ=80⋅0,6⋅0,4=19,2≈4,38\sigma = \sqrt{80 \cdot 0{,}6 \cdot 0{,}4} = \sqrt{19{,}2} \approx 4{,}38
  • k=48+1,645⋅4,38≈55,2⇒k=56k = 48 + 1{,}645 \cdot 4{,}38 \approx 55{,}2 \Rightarrow k = 56
  • 56≥5656 \geq 56 → knapp im Ablehnungsbereich → H0H_0 ablehnen.

Anwendung

Aufgabe 1: Rechtsseitiger Test – Ausschussrate

Ein Hersteller behauptet, seine Ausschussrate betrage höchstens 5 %5\,\%. Ein Prüfer untersucht n=200n = 200 Teile und findet 18 defekte. Teste bei α=0,05\alpha = 0{,}05.

Antwort anzeigen
Folge dem 5-Schritte-Schema: Hypothesen aufstellen, α festlegen, Verteilung bestimmen, kritischen Wert berechnen, Entscheidung treffen.

H0H_0: p≤0,05p \leq 0{,}05, H1H_1: p>0,05p > 0{,}05.

μ=200⋅0,05=10,σ=200⋅0,05⋅0,95=9,5≈3,08\mu = 200 \cdot 0{,}05 = 10, \quad \sigma = \sqrt{200 \cdot 0{,}05 \cdot 0{,}95} = \sqrt{9{,}5} \approx 3{,}08

k=10+1,645⋅3,08≈15,07⇒k=16k = 10 + 1{,}645 \cdot 3{,}08 \approx 15{,}07 \Rightarrow k = 16

18≥1618 \geq 16 → H0H_0 wird abgelehnt. Die Ausschussrate ist signifikant höher als 5 %5\,\%.

Aufgabe 2: Linksseitiger Test – Kaufrate

Ein Online-Shop hat bisher eine Kaufrate von 12 %12\,\%. Nach einer Umgestaltung vermutet man einen Rückgang. Bei n=150n = 150 Besuchern kaufen nur 12.

Antwort anzeigen
Verdacht auf Rückgang = linksseitiger Test. Der Ablehnungsbereich liegt links (bei kleinen Werten).

H0H_0: p≥0,12p \geq 0{,}12, H1H_1: p<0,12p < 0{,}12.

μ=150⋅0,12=18,σ=150⋅0,12⋅0,88≈3,98\mu = 150 \cdot 0{,}12 = 18, \quad \sigma = \sqrt{150 \cdot 0{,}12 \cdot 0{,}88} \approx 3{,}98

k=18−1,645⋅3,98≈11,45⇒k=11k = 18 - 1{,}645 \cdot 3{,}98 \approx 11{,}45 \Rightarrow k = 11

12>1112 > 11 → 1212 liegt nicht im Ablehnungsbereich → H0H_0 wird beibehalten.

Es gibt keinen signifikanten Hinweis auf einen Rückgang der Kaufrate.

Aufgabe 3: Kritischen Wert exakt bestimmen

X∼B(20;  0,5)X \sim B(20; \; 0{,}5), rechtsseitiger Test, α=0,05\alpha = 0{,}05.

Gesucht: kleinstes kk mit P(X≥k)≤0,05P(X \geq k) \leq 0{,}05.

Antwort anzeigen
Hier hilft die Sigma-Näherung nicht genau genug. Berechne die kumulierten Wahrscheinlichkeiten mit der Binomialformel und suche den Grenzwert.
kkP(X≥k)P(X \geq k)≤0,05\leq 0{,}05?
13130,13160{,}1316Nein
14140,05770{,}0577Nein
15150,02070{,}0207Ja ← kritischer Wert

P(X≥15)=0,0207≤0,05P(X \geq 15) = 0{,}0207 \leq 0{,}05, aber P(X≥14)=0,0577>0,05P(X \geq 14) = 0{,}0577 > 0{,}05.

k=15\boxed{k = 15}

Der Ablehnungsbereich ist {15,16,17,18,19,20}\{15, 16, 17, 18, 19, 20\}.

Aufgabe 4: Fehlerarten interpretieren

Im Münztest (Beispiel 1): Was bedeuten Fehler 1. und 2. Art konkret?

  • Fehler 1. Art: Wir behaupten, die Münze sei gezinkt, obwohl sie tatsächlich fair ist. Wahrscheinlichkeit: ≤5 %\leq 5\,\%.
  • Fehler 2. Art: Wir behalten bei, dass die Münze fair ist, obwohl sie in Wahrheit gezinkt ist. Die Wahrscheinlichkeit hängt davon ab, wie stark die Münze tatsächlich gezinkt ist.

Typische Fehler

Häufiger Irrtum

Irrtum: „Wenn H0H_0 beibehalten wird, ist H0H_0 bewiesen.”

Richtig ist: Man kann H0H_0 nie beweisen, nur beibehalten. „Nicht abgelehnt” bedeutet nur: Die Daten reichen nicht aus, um H0H_0 zu widerlegen. Vielleicht war die Stichprobe einfach zu klein, um den Effekt zu sehen. Vergleich: Ein Freispruch im Gericht bedeutet nicht „unschuldig” – nur „nicht genug Beweise”.

Häufiger Irrtum

Irrtum: „Ich kann H0H_0 und H1H_1 frei wählen und einfach vertauschen.”

Richtig ist: H0H_0 ist immer die konservative Annahme (der Status quo). H1H_1 ist das, was man zeigen will. Vertauscht man die beiden, schützt der Test das Falsche. Faustregel: Was du zeigen willst, gehört in H1H_1.

Weitere häufige Fehler:

  1. Testrichtung falsch wählen: „Ausschuss gestiegen?” → rechtsseitig. „Anteil gesunken?” → linksseitig. Die Richtung bestimmt, wo der Ablehnungsbereich liegt.

  2. α\alpha mit dem p-Wert verwechseln: α\alpha wird vor dem Test festgelegt. Der p-Wert ist die tatsächliche Wahrscheinlichkeit des beobachteten Ergebnisses unter H0H_0.

  3. Sigma-Regel bei kleinem nn nützen: Die Näherung funktioniert nur für n⋅p0⋅(1−p0)>9n \cdot p_0 \cdot (1-p_0) > 9. Bei kleinem nn muss man die kumulierte Binomialverteilung direkt verwenden.

Zusammenfassung

  • Ein Hypothesentest prüft, ob Daten mit einer Annahme (H0H_0) vereinbar sind.
  • H0H_0 = konservative Annahme, H1H_1 = das, was man zeigen will.
  • Das Signifikanzniveau α\alpha begrenzt das Risiko einer falschen Ablehnung von H0H_0.
  • Der Ablehnungsbereich wird über den kritischen Wert kk bestimmt.
  • Fehler 1. Art (α\alpha): H0H_0 falsch abgelehnt. Fehler 2. Art (β\beta): H0H_0 falsch beibehalten.
  • Das 5-Schritte-Schema (Hypothesen → α\alpha → Verteilung → Ablehnungsbereich → Entscheidung) löst jede Abi-Aufgabe.

Quiz

Frage 1: Ein Bäcker behauptet, 90 %90\,\% seiner Brötchen wiegen mindestens 50 g. Du vermutest, der Anteil sei niedriger. Wie lauten H0H_0 und H1H_1?

Antwort anzeigen

H0H_0: p≥0,9p \geq 0{,}9, H1H_1: p<0,9p < 0{,}9 (linksseitiger Test).

Frage 2: Was passiert, wenn man α\alpha von 5 %5\,\% auf 1 %1\,\% senkt?

Antwort anzeigen

Der Ablehnungsbereich wird kleiner, man lehnt H0H_0 seltener ab. Das Risiko eines Fehlers 1. Art sinkt, aber das Risiko eines Fehlers 2. Art steigt.

Frage 3: n=100n = 100, p0=0,4p_0 = 0{,}4, rechtsseitiger Test, α=0,05\alpha = 0{,}05. Bestimme den kritischen Wert.

Antwort anzeigen

μ=40\mu = 40, σ=100⋅0,4⋅0,6=24≈4,90\sigma = \sqrt{100 \cdot 0{,}4 \cdot 0{,}6} = \sqrt{24} \approx 4{,}90. k=40+1,645⋅4,90≈48,06k = 40 + 1{,}645 \cdot 4{,}90 \approx 48{,}06, also k=49k = 49.

Frage 4: In einer Studie wird H0H_0 beibehalten. Ist H0H_0 damit bewiesen?

Antwort anzeigen

Nein. „H0H_0 beibehalten” bedeutet nur, dass die Daten nicht ausreichen, um H0H_0 abzulehnen. Es kann sein, dass H0H_0 falsch ist, aber der Test nicht genug Macht hatte, das zu erkennen (Fehler 2. Art).

Aufgaben mit Lösungsweg

Schlüsselwörter

  • nullhypothese
  • alternativhypothese
  • signifikanzniveau
  • ablehnungsbereich
  • fehler erster art
  • fehler zweiter art