Kapitel 1 von 8

Mittelstufe · ~15 Min.

Folgen und Reihen – Unendlichkeit strukturieren

Lernziele

  • arithmetische und geometrische Folgen unterscheiden und beschreiben
  • Partialsummen und Reihen berechnen
  • den Grenzwert einer Folge bestimmen
  • die Summenformel der geometrischen Reihe anwenden

Vorwissen empfohlen: Ableitungsbegriff

Einführung

Kann man unendlich viele Zahlen addieren und trotzdem ein endliches Ergebnis erhalten? Intuitiv sagt man: „Unendlich viele Summanden müssen unendlich groß ergeben.” Doch das stimmt nicht – und diese Einsicht revolutionierte die Mathematik.

Folgen und Reihen beschreiben, wie sich Dinge Schritt für Schritt entwickeln: Zinsen auf ein Sparkonto, Ratenzahlungen, der Zerfallsprozess eines Medikaments im Blut. Die Mathematik hinter diesen Prozessen ist elegant und mächtig.

Grundidee

Eine Folge ist eine geordnete Liste von Zahlen: a1,a2,a3,a4,…a_1, a_2, a_3, a_4, \ldots Jede Zahl heißt ein Glied der Folge, und die Position heißt Index.

Eine Reihe entsteht, wenn man die Glieder einer Folge aufaddiert: a1+a2+a3+…a_1 + a_2 + a_3 + \ldots

Die spannende Frage: Wenn man unendlich viele Glieder addiert – kann das Ergebnis endlich sein?

Erklärung

Arithmetische Folge

Bei einer arithmetischen Folge ist die Differenz zwischen je zwei aufeinanderfolgenden Gliedern konstant. Diese Differenz heißt gemeinsame Differenz dd.

Beispiel: 3, 7, 11, 15, 19, …3,\ 7,\ 11,\ 15,\ 19,\ \ldots – hier ist d=4d = 4.

Das nn-te Glied berechnet sich durch:

an=a1+(n−1)⋅da_n = a_1 + (n-1) \cdot d

Dabei ist a1a_1 das erste Glied und nn die Position. Man „geht” von a1a_1 aus genau (n−1)(n-1) Schritte der Größe dd.

Summe der ersten nn Glieder (arithmetische Reihe):

Sn=n2⋅(a1+an)=n2⋅(2a1+(n−1)d)S_n = \frac{n}{2} \cdot (a_1 + a_n) = \frac{n}{2} \cdot (2a_1 + (n-1)d)

Der Trick: Man paart das erste und letzte Glied, das zweite und vorletzte, usw. – jedes Paar hat dieselbe Summe a1+ana_1 + a_n.

Bekanntes Beispiel: Der junge Gauß soll als Kind die Zahlen 1 bis 100 addiert haben. Er erkannte:

S100=1002⋅(1+100)=50⋅101=5050S_{100} = \frac{100}{2} \cdot (1 + 100) = 50 \cdot 101 = 5050

Geometrische Folge

Bei einer geometrischen Folge wird jedes Glied durch Multiplikation mit dem Quotienten qq erzeugt.

Beispiel: 2, 6, 18, 54, 162, …2,\ 6,\ 18,\ 54,\ 162,\ \ldots – hier ist q=3q = 3.

Das nn-te Glied:

an=a1⋅qn−1a_n = a_1 \cdot q^{n-1}

Man multipliziert das erste Glied (n−1)(n-1)-mal mit dem Quotienten.

Summe der ersten nn Glieder (geometrische Reihe):

Sn=a1⋅qn−1q−1fu¨r q≠1S_n = a_1 \cdot \frac{q^n - 1}{q - 1} \quad \text{für } q \neq 1

Zinseszins als geometrische Folge

Ein Kapital von 1000 € bei 5 % Zinsen jährlich: Kn=1000⋅1,05n−1K_n = 1000 \cdot 1{,}05^{n-1}. Das ist eine geometrische Folge mit a1=1000a_1 = 1000 und q=1,05q = 1{,}05. Nach 10 Jahren: K10=1000⋅1,059≈1551K_{10} = 1000 \cdot 1{,}05^9 \approx 1551,€.

Grenzwert und Konvergenz

Was passiert, wenn man immer mehr Glieder einer Folge betrachtet? Zwei Möglichkeiten:

  • Die Glieder nähern sich einem festen Wert an → Die Folge konvergiert gegen diesen Grenzwert gg.
  • Die Glieder wachsen über alle Grenzen (oder schwingen auf und ab) → Die Folge divergiert.

Schreibweise für den Grenzwert:

lim⁡n→∞an=g\lim_{n \to \infty} a_n = g

Sprich: „Der Limes von ana_n für nn gegen unendlich ist gg.”

Beispiele:

  • an=1na_n = \frac{1}{n}: lim⁡n→∞1n=0\lim_{n \to \infty} \frac{1}{n} = 0 – konvergiert gegen 0
  • an=n2a_n = n^2: divergiert (wächst unbeschränkt)
  • an=(−1)na_n = (-1)^n: divergiert (springt zwischen −1-1 und 11)

Merke

Eine geometrische Folge an=qna_n = q^n konvergiert genau dann gegen 0, wenn ∣q∣<1|q| < 1. Für ∣q∣≥1|q| \geq 1 divergiert sie. Diese Bedingung ist der Schlüssel zur geometrischen Reihe.

Unendliche geometrische Reihe

Falls ∣q∣<1|q| < 1, konvergiert die geometrische Reihe – die Summe unendlich vieler Glieder ist endlich:

S=∑k=0∞a1⋅qk=a11−qfu¨r ∣q∣<1S = \sum_{k=0}^{\infty} a_1 \cdot q^k = \frac{a_1}{1-q} \quad \text{für } |q| < 1

Beispiel: 12+14+18+116+…\frac{1}{2} + \frac{1}{4} + \frac{1}{8} + \frac{1}{16} + \ldots

Hier ist a1=12a_1 = \frac{1}{2} und q=12q = \frac{1}{2}:

S=121−12=1212=1S = \frac{\frac{1}{2}}{1 - \frac{1}{2}} = \frac{\frac{1}{2}}{\frac{1}{2}} = 1

Unendlich viele Summanden ergeben exakt 1. Das kann man sich bildlich so vorstellen: Man teilt ein Papier immer wieder in der Mitte – nach unendlich vielen Schnitten ist das ganze Papier aufgeteilt.

Die geometrische Reihe 1/2 + 1/4 + 1/8 + … füllt das Quadrat vollständig aus: Ihre Summe ist 1.

Beispiel aus dem Alltag

Das Paradoxon des Achilles und der Schildkröte (Zenon, ~450 v. Chr.)

Achilles gibt der Schildkröte 100 m Vorsprung und läuft 10-mal so schnell. Zenon argumentierte, dass Achilles die Schildkröte nie einholen kann:

  1. Wenn Achilles die 100 m überbrückt hat, hat die Schildkröte 10 m zurückgelegt.
  2. Wenn er diese 10 m läuft, hat die Schildkröte 1 m gewonnen.
  3. Dann noch 0,1 m, dann 0,01 m, …

Der Abstand bildet eine geometrische Reihe: 100+10+1+0,1+…100 + 10 + 1 + 0{,}1 + \ldots

Mit a1=100a_1 = 100 und q=0,1q = 0{,}1:

S=1001−0,1=1000,9≈111,1 mS = \frac{100}{1 - 0{,}1} = \frac{100}{0{,}9} \approx 111{,}1\,\mathrm{m}

Nach 111,1 m hat Achilles die Schildkröte eingeholt – in endlicher Strecke (und endlicher Zeit). Das Paradoxon löst sich durch konvergente Reihen auf.

Anwendung

Aufgabe: Ein Sparplan zahlt monatlich 200 € ein. Der Jahreszins beträgt 3 %, was einem Monatszins von 0,25 % entspricht. Berechne das Endkapital nach 12 Monaten.

Die erste Einzahlung (im 1. Monat) ist 12 Monate lang angelegt: 200⋅1,002512200 \cdot 1{,}0025^{12} Die zweite Einzahlung nur 11 Monate: 200⋅1,002511200 \cdot 1{,}0025^{11} … Die letzte Einzahlung liegt nur 1 Monat: 200⋅1,00251200 \cdot 1{,}0025^1

Das ist eine geometrische Reihe mit a1=200⋅1,0025a_1 = 200 \cdot 1{,}0025, q=1,0025q = 1{,}0025, n=12n = 12:

S=200⋅1,0025⋅1,002512−11,0025−1≈200⋅1,0025⋅0,03040,0025≈2432S = 200 \cdot 1{,}0025 \cdot \frac{1{,}0025^{12} - 1}{1{,}0025 - 1} \approx 200 \cdot 1{,}0025 \cdot \frac{0{,}0304}{0{,}0025} \approx 2432,€

Typische Fehler

„Die Summe einer unendlichen Reihe ist immer unendlich.” Das stimmt nur für divergente Reihen. Geometrische Reihen mit ∣q∣<1|q| < 1 haben eine endliche Summe.

Häufiger Irrtum

∞ viele Summanden → unendliche Summe

Richtig ist

Wenn die Summanden schnell genug kleiner werden (|q| < 1), ist auch die unendliche Summe endlich.

„Arithmetische und geometrische Folgen verwechseln.” Arithmetisch = konstante Differenz (Addition), geometrisch = konstantes Verhältnis (Multiplikation). Kontrolliere: Subtraktion zweier aufeinanderfolgender Glieder (konstant → arithmetisch) oder Division (konstant → geometrisch).

Zusammenfassung

Merke dir:

  • Arithmetische Folge: konstante Differenz dd, an=a1+(n−1)da_n = a_1 + (n-1)d, Summe: Sn=n2(a1+an)S_n = \frac{n}{2}(a_1 + a_n)
  • Geometrische Folge: konstanter Quotient qq, an=a1⋅qn−1a_n = a_1 \cdot q^{n-1}, Summe: Sn=a1⋅qn−1q−1S_n = a_1 \cdot \frac{q^n-1}{q-1}
  • Grenzwert: lim⁡n→∞an=g\lim_{n \to \infty} a_n = g beschreibt das langfristige Verhalten
  • Unendliche geometrische Reihe: S=a11−qS = \frac{a_1}{1-q} – nur für ∣q∣<1|q| < 1 definiert
  • Zenons Paradoxon zeigt: Unendlich viele Summanden können endliche Summe ergeben

Quiz

Frage 1: Die Folge 5, 8, 11, 14, …5,\ 8,\ 11,\ 14,\ \ldots – arithmetisch oder geometrisch? Was ist a10a_{10}?

Antwort anzeigen

Arithmetisch, denn die Differenz ist konstant d=3d = 3. Das 10. Glied: a10=5+9⋅3=5+27=32a_{10} = 5 + 9 \cdot 3 = 5 + 27 = 32.

Frage 2: Berechne ∑k=0∞(23)k\sum_{k=0}^{\infty} \left(\frac{2}{3}\right)^k.

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Geometrische Reihe mit a1=1a_1 = 1 (für k=0k=0 ist (23)0=1(\frac{2}{3})^0 = 1) und q=23q = \frac{2}{3}. Da ∣q∣=23<1|q| = \frac{2}{3} < 1: S=11−23=113=3S = \frac{1}{1 - \frac{2}{3}} = \frac{1}{\frac{1}{3}} = 3.

Frage 3: Konvergiert die Folge an=3n+1na_n = \frac{3n+1}{n} und gegen welchen Wert?

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Ja: an=3n+1n=3+1na_n = \frac{3n+1}{n} = 3 + \frac{1}{n}. Für n→∞n \to \infty geht 1n→0\frac{1}{n} \to 0, also lim⁡n→∞an=3\lim_{n \to \infty} a_n = 3.

Frage 4: Erkläre in zwei Sätzen, warum Zenons Paradoxon kein echtes Paradoxon ist.

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Zenon setzt voraus, dass unendlich viele Zeitintervalle unendlich viel Zeit benötigen – das stimmt aber nicht. Die Zeitintervalle bilden eine konvergente geometrische Reihe, deren Summe endlich ist, sodass Achilles die Schildkröte in endlicher Zeit einholt.

Schlüsselwörter

  • folge
  • reihe
  • arithmetische folge
  • geometrische folge
  • grenzwert
  • konvergenz
  • partialsumme