Einsteiger Mensch & Gesellschaft 12 Punkte · ~25 Min.

Die Reise eines Smartphones – Globale Lieferkette analysieren

Aufgabenstellung

Ausgangspunkt

Ein Smartphone für 800 Euro enthält Rohstoffe und Komponenten aus über 30 Ländern:

KomponenteHerkunftBedingungen
Kobalt (Akku)Demokratische Republik KongoTeilweise Kinderarbeit im Kleinbergbau; gefährliche Arbeitsbedingungen
Seltene Erden (Display, Lautsprecher)China (ca. 70 % der Weltproduktion)Massive Umweltverschmutzung durch Abbau; radioaktive Abfälle
Chip-FertigungTaiwan (TSMC)Hochspezialisiert; geopolitisch fragil (China-Konflikt)
EndmontageChina (z. B. Foxconn)Niedrige Löhne; Berichte über extreme Überstunden
Software/DesignUSA (Kalifornien)Höchste Gehälter der gesamten Lieferkette

Von den 800 Euro Verkaufspreis gehen etwa 350 Euro an den Hersteller (Design, Marketing, Gewinn), 200 Euro an Händler und Steuern, 150 Euro an Komponentenhersteller und nur ca. 10 Euro an die Arbeiter in der Endmontage.

Aufgaben

  • (a) Beschreibe die vier Dimensionen der Globalisierung (wirtschaftlich, kulturell, politisch, digital) am Beispiel des Smartphones. (4 BE)
  • (b) Analysiere die Gewinnverteilung: Wer profitiert am meisten, wer am wenigsten? Ist diese Verteilung aus utilitaristischer und aus Rawls’ Perspektive gerecht? (4 BE)
  • (c) Entwickle drei konkrete Maßnahmen, die die Lieferkette gerechter machen könnten. Berücksichtige dabei mögliche Zielkonflikte (z. B. höhere Preise für Konsumenten). (4 BE)

Lösungsweg

Schritt 1: Vier Dimensionen am Smartphone-Beispiel (a)

Wirtschaftliche Globalisierung: Das Smartphone ist ein Produkt globaler Lieferketten. Rohstoffe aus Afrika, Verarbeitung in Asien, Design in den USA, Verkauf weltweit. Kein einzelnes Land könnte ein Smartphone allein herstellen. Die wirtschaftliche Interdependenz ist total.

Kulturelle Globalisierung: Das Smartphone selbst ist ein Werkzeug kultureller Globalisierung. Mit ihm streamen Jugendliche in Nairobi dieselben K-Pop-Videos wie in Berlin. Apps wie TikTok und Instagram verbreiten kulturelle Trends weltweit in Echtzeit. Gleichzeitig kann das Smartphone lokale Kulturen sichtbar machen, die ohne Internet unsichtbar blieben.

Politische Globalisierung: Die Chipfertigung in Taiwan zeigt die politische Dimension: Ein militärischer Konflikt zwischen China und Taiwan würde die weltweite Smartphone-Produktion lahmlegen. Globale Lieferketten schaffen geopolitische Abhängigkeiten. Das Lieferkettengesetz der EU ist ein Versuch, politisch auf diese Verflechtung zu reagieren.

Digitale Globalisierung: Das Smartphone ist nicht nur ein Produkt der Globalisierung, sondern auch ihr Motor. Über das Internet werden Bestellungen, Designs und Produktionsdaten in Echtzeit zwischen Kontinenten ausgetauscht. Ohne digitale Vernetzung wäre die komplexe Lieferkette nicht koordinierbar.

Schritt 2: Analyse der Gewinnverteilung (b)

Verteilung: Von 800 Euro gehen ca. 350 Euro an den Hersteller (Design und Marketing in den USA), aber nur ca. 10 Euro an die Montagearbeiter in China. Das Verhältnis beträgt 35:1. Die Arbeiter, die das Gerät physisch zusammenbauen, erhalten 1,25 % des Verkaufspreises.

Utilitaristische Bewertung: Ein Utilitarist würde fragen: Erzeugt diese Verteilung den größten Gesamtnutzen? Einerseits ja – günstige Smartphones sind für Milliarden Menschen zugänglich, die dadurch Zugang zu Information, Bildung und Kommunikation erhalten. Andererseits: Die Konzentration der Gewinne bei wenigen Unternehmen erzeugt extreme Ungleichheit. Eine gerechtere Verteilung könnte den Gesamtnutzen steigern, wenn sie die Lebensqualität der Ärmsten verbessert.

Rawls’ Perspektive: Hinter dem Schleier des Nichtwissens würde niemand ein System wählen, in dem man mit hoher Wahrscheinlichkeit als Kobalt-Bergarbeiter im Kongo oder als Montagearbeiterin bei Foxconn endet. Das Differenzprinzip fordert: Die Ungleichheit ist nur gerechtfertigt, wenn sie den Schwächsten nützt. Davon kann hier keine Rede sein – die Schwächsten in der Lieferkette profitieren am wenigsten.

Schritt 3: Maßnahmen für gerechtere Lieferketten (c)

1. Verbindliches Lieferkettengesetz mit Sanktionen: Unternehmen müssen nachweisen, dass in ihrer gesamten Lieferkette keine Kinderarbeit, keine Umweltzerstörung und faire Löhne herrschen. Bei Verstößen drohen empfindliche Strafen. Zielkonflikt: Höherer Verwaltungsaufwand und potenziell höhere Produktionskosten. Aber: Der Preisanstieg für Konsumenten wäre gering – wenn alle Arbeiter in der Lieferkette faire Löhne erhielten, stiege der Smartphone-Preis um geschätzt 20-30 Euro.

2. Zertifiziertes „Fair Phone”-Siegel: Ähnlich wie Fair-Trade-Kaffee könnte ein unabhängiges Siegel kennzeichnen, welche Smartphones unter fairen Bedingungen produziert werden. Konsumenten können bewusst entscheiden. Zielkonflikt: Faire Produkte sind teurer und erreichen oft nur eine zahlungskräftige Nische. Die breitere Wirkung bleibt begrenzt, wenn die Masse weiterhin zum günstigsten Produkt greift.

3. Internationale Mindeststandards für Arbeitsbedingungen: Die WTO oder ILO könnten verbindliche Arbeitsstandards an Handelsabkommen knüpfen – kein Freihandel ohne Mindestlöhne und Umweltstandards. Zielkonflikt: Entwicklungsländer argumentieren, dass niedrige Löhne ihr Wettbewerbsvorteil sind. Erzwungene Mindeststandards könnten Produktion in Länder verlagern, die noch niedrigere Standards haben.

Ergebnis

AspektAnalyse
DimensionenSmartphone vereint alle vier Dimensionen der Globalisierung in einem Produkt
Gewinnverteilung35:1 zwischen Hersteller (Design/USA) und Montagearbeitern (China); nur 1,25 % für physische Arbeit
Rawls’ UrteilVerstößt gegen das Differenzprinzip – die Schwächsten profitieren am wenigsten
MaßnahmenLieferkettengesetz, Fair-Phone-Siegel, internationale Mindeststandards – jeweils mit Zielkonflikten